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Amok in Blacksburg PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Jürgen Scheffler   
Donnerstag, 19. April 2007

Angesichts des grausigen Amoklaufs in Blacksburg ist europäische Arroganz gegenüber der amerikanischen Gesellschaft sicher unangebracht - schließlich nähern sich die hiesigen Gesellschaftsverhältnisse in Vielem denen in USA schon seit Längerem und in jüngerer Zeit beschleunigt an. Zu behaupten, das merkwürdige Verfassungsrecht des Amerikaners auf seine Waffe erfasse nun die Ursache für den Amoklauf, ist kindisch. Natürlich ist dies nicht die Ursache für das Ereignis. Diese wird - wie meist in solchen Fällen - vermutlich nie wirklich aufgearbeitet werden. Und öffentlich schon gar nicht. Als sicher aber kann angesehen werden, dass dieses verstaubte Verfassungsrecht des Amerikaners dafür sorgte, dass es wiederum viele - diesmal 33 - Tote gab. Wenn Waffen leicht zugänglich sind, gehen individuelle Katastrophen, zu denen unter anderem auch Amokläufe zählen, tendenziell eben eher so aus - so eine Art Unterschied zwischen Erfurt und Emsdetten ist sozusagen, was sich hier bemerkbar macht.

Da dieses Recht in den USA sehr populär ist, nehmen die Anhänger dieses Rechts die hohen Opferzahlen anscheinend in Kauf. Das ist im Einzelfall zwar tragisch - vor allem für jene Opfer, die noch leben könnten, hätten Cho Seung-Hui wie Sebastian B. nur Vorderlader zur Verfügung gestanden. Doch dies ist eben - neben der allgemeinen Unfallgefahr beim Hantieren mit Waffen - der Preis, den dieses Recht verlangt und eine Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft will diesen Preis offenbar noch zahlen. An dieser Entscheidung haben wir nichts zu kritisieren, denn letztlich ist sie Sache der amerikanischen Gesellschaft - manche Reaktion der Amerikaner auf das Gejaule aus Europa wird mithin zumindest verständlich.

Natürlich stellt sich die Frage nach dem Sinn dieses Rechts. Da kann die USA immerhin auf das dortige hohe Ausmaß an Gewaltkrimalität verweisen - eine Waffe kann da schon Sinn machen, wenn Bürger genötigt sind, sich selbst zu schützen. Den Gedanken indes, dass es zum sicheren Leben in einer modernen Gesellschaft nicht generell einer Bewaffnung bedarf, sollten die US-Amerikaner vielleicht mal in Erwägung ziehen - denn Beweise für diese Sichtweise existieren weltweit zuhauf. "Unbewaffnete" Gesellschaften haben generell deutlich weniger Gewaltkriminalität.

Der Amoklauf spielt sowieso eine Sonderrolle; er ist schließlich keine "normale" menschliche Verhaltensweise und es besteht in Wahrheit - auch das gehört gesagt - praktisch kaum ein Risiko, jemals zum Opfer eines Amoklaufs zu werden. Amok ist der "Ausnahmezustand" - jeder befand sich sicher schon einmal in einer Situation nicht mehr beherrschbarer Wut, eine Situation in der man am liebsten "um sich schlagen" möchte, wo einem "alles egal" ist. In eine solche Situation bringt eine Waffe nun - ob Charlton Heston das in seinen Kram passt oder nicht - eine besondere Dynamik ein. Denn - hat der Mensch im seinem Ausnahmezustand die ersten unauslöschbare Fakten geschaffen, sorgt zumeist schon der von ihm selbst registrierte Tabubruch für einen Wegfall gleich sämtlicher Hemmschwellen mit der Folge weiterer - meist wahllos betroffener - Opfer.

Dies gilt selbst dann noch, wenn überhaupt keine Waffe im Spiel ist - wie viele Familientragödien auch hierzulande immer wieder deutlich machen. Eine Waffe aber wirkt sich in einer solchen Situation dramatisch aus - sie macht schlicht das Töten "einfach", auch und besonders die bei solchen Akten meist anzutreffende finale Selbsttötung. Der Ausnahmezustand indes ist kein "umgelegter" Schalter - ein unbekannte Anzahl von ihnen mag auch mit einem ersten Angriff auf andere Menschen enden. Denn dessen Folgen Schmerzensschreie, Blut etc. sowie vor allem die Tatsache, dass das Töten eines Menschen von Hand alles andere als einfach ist, beinhalten die Chance, dass der Täter noch zur Vernunft kommen kann. Bei der Waffe indes reicht das kurze Zucken des Zeigefingers - und subjektiv steht für den Täter die unauslöschbare Folge fest, selbst wenn das Opfer noch nicht tödlich getroffen ist. Darüber hinaus verleiht die Waffe seiner Raserei einen bedeutend höhere Wirkung und größeren Aktionsradius.

Hochgerechnet auf die Gesellschaft hat diese Prozessstruktur zur Folge, dass in einer bewaffneten Gesellschaft zwingend häufiger zu schweren Amokläufen mit tendenziell höheren Opferzahlen kommen muss. Generell darf man nicht übersehen, dass es keine Statistik über "abgebrochene" Amokläufe geben kann, da dies schon für Täter rückwirkend von "normaler" Gewalt kaum zu unterscheiden ist. Die angesichts Blacksburg in USA laut gewordene Mär - der Vorfall wäre glimpflicher verlaufen, wären nur ALLE Studenten bewaffnet gewesen, indes ist an Blödheit nun gar nicht mehr zu überbieten. Wenn man sich eine wild umherballernde Meute in eine Raum von 50 oder mehr Personen vorstellt, steht doch eher die Befürchtung noch höherer als niedrigerer Opferzahlen im Raum.

Nun erfasst die bisherige Analyse eines Amoklaufs das Täterprofil eines Cho oder Sebastian B. natürlich nicht vollständig. Es sind fast immer "Sonderlinge" die solche spektakulären "Großtaten" vollbringen. Unzählige Male haben sie sich zuvor in ihrer Phantasie die Inszenierung ihres "großen Abgangs" ausgemalt, diesen oft akribisch vorbereitet. Sie befinden sich sozusagen permanent im "Ausnahmezustand"; monate- und nicht selten jahrelang vor der Tat. Der verständliche Wille der Gesellschaft derartiges verhindern zu wollen allerdings, wandelt stets auf dem schmalen Grat, genau das Gegenteil von seiner ursprünglichen Absicht hervorzurufen.

Denn die Zahl der "Sonderlinge" ist mit Sicherheit um ein Vieltausendfaches höher, als die jener, die letztlich Amok laufen. Die auch hierzulande angepriesenen "Allheilmittel" stärkere Observation, Denunziantentum etc. werden definitiv nicht nur nichts nützen - sie werden im Gegenteil den Druck auf die Sonderlingsgruppe und deren Ausgrenzung noch deutlich erhöhen. Die vorhersehbare Folge: die "Konversionsrate" vom Sonderling zum Amokläufer könnte sich mittelfristig steigern.

Gerade und besonders die USA müssen sich anrechnen lassen: Wer alles unternimmt, um menschliche Gesellschaften zu Raubtiergesellschaften zu verunstalten, sollte nicht rumjammern, wenn er beginnt damit Erfolg zu haben. Das Betroffenheitsgeschwafel und die nächsten Dutzende von "Expertenrunden" werden das Problem ganz sicher wieder nicht lösen, ja nicht einmal in den Fokus bekommen. Und selbst wenn dann auch noch Schäuble hierzulande demnächst verlangt, jeder Bürger müsse ein Psychogramm in seinem Ausweis tragen wird sich nicht auch nur ein Jota mehr "Sicherheit" einstellen - zu befürchten steht eher das Gegenteil.

Eine menschliche Gesellschaft lässt sich nun mal eben nicht mit einem "Null-Risiko" organisieren. Es wird immer Kriminalität geben - es wird immer Amokläufe geben - und es wird immer Terrorismus geben. Dies ist die eigentliche Botschaft all dieser Phänomene und auch die von Columbine, Erfurt und nun Blacksburg. Der Mensch ist kein Apparat - zwischen seiner Umwelt und seinem Handeln sitzt seine Persönlichkeit, in der sein subjektives Empfinden verarbeitet wird und die sein Verhalten letztlich steuert.

Jede Gesellschaft ist nun mal gezwungen, bestimmte Normen zu setzen, ein gewisses Verhaltensspektrum zuzulassen und einen gewissen Rest zu "unterdrücken". So sehr schwierig ist der Zusammenhang nicht: je mehr unterdrückt wird, umso mehr "Psychopathen" werden herangezüchtet - Menschen, die mit dem was von ihnen indirekt "verlangt" wird, nicht mehr zurecht kommen, die sich selbst oder von anderen aus der Gesellschaft "ausgemustert" werden. Und ein gewisser - mit dem Druck auf Sonderlinge und Außenseiter einher gehender - Prozentsatz solcher Menschen läuft irgendwann Amok.

Hieran kann keine Gesellschaft - und wenn sie sich noch so auf den Kopf stellt - etwas ändern. Worüber eine Gesellschaft aber sehr wohl entscheiden kann, sind die Randbedingungen für solche der menschlichen Natur nach unvermeidlichen Phänomene. Es ist die älteste Lüge konservativer "Sicherheitsfanatiker", mehr Kontrolle und Machtausübung brächte mehr Sicherheit. Die Erfahrungen belegen eher das Gegenteil - selbst bei den Nazis war die Kriminalität sogar extrem hoch - rechnet man all die Opfer jener Menschenjagd hinzu, die sie entfacht haben. Konnte hier doch so mancher "Sonderling", dem sonst eine kriminelle Karriere vorgezeichnet gewesen wäre, sich ganz legal "austoben".

Die zuverlässigste Präventionsmaßnahme gegen Kriminalität, Amok und Terror bleibt eine in bestimmten sinnvollen Grenzen tolerante und vor allem nachvollziehbar gerechte Gesellschaft. Eine solche minimiert schon von vornherein das Potential für tragische Vorfalle nach dem Blacksburg-Muster. Ein Weiteres könnte man vielleicht erreichen, wenn man in der "Unterhaltung" der Menschen die unentwegte Wiederholung blödsinniger Botschaften, wie Gewaltverherrlichung, Kriegshetze und Heldenquatsch sowie die grandiose Flut ganz offensichtlicher Lügen minimieren würde. Wenn man dann auch noch den Menschen klar macht, dass es prinzipiell nicht einer Waffe bedarf, um sein Leben in Ruhe und Frieden zugestalten, wäre schon - wohl auch und besonders in USA - viel erreicht.

Solange aber Unterhaltungskonzerne sich daran bereichern, vor allem abgrundtiefen Schwachsinn in die Hirne von Menschen zu pflanzen, solange unsere Strukturen die Machtausübung und Reichtum zulasten Ohnmächtiger und Armer immer einseitiger begünstigen, solange Menschen über die einfachsten Grundlagen menschlicher Gesellschaft immer unerträglicher belogen werden, werden wir es mit einem Mehr an Kriminalität, Amok und Terror zu tun bekommen - und nicht mit einem Weniger, völlig gleich was man sonst auch immer unternehmen mag.


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