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Finanzkrise PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Jürgen Scheffler   
Sonntag, 28. September 2008

Hinreichend laut und vernehmlich war es eigentlich schon - das Vorbeben. Auch hierzulande zerrupfte es die IKB und einige Landesbanken wurden durchgerüttelt. Seitdem pumpen Regierungen weltweit nun schon seit Jahresfrist wachsende Milliardenbeträge in die Finanzmärkte. Doch diese scheinen schwarzen Löchern gleich und verschlingen einfach Alles und Jedes, was da unternommen wird, um weiteres Abgleiten in den Abgrund zu vermeiden. Seit Langem zeigen etliche Ökonomen mit dem Finger auf die gewaltige Schieflage der Weltleitwährung Dollar, die aus einer grandiosen Überschuldung der USA weltweit resultiert und orakelten: „...das wird so nicht ewig gut gehen können!“. Tut es auch nicht, wie man wohl spätestens jetzt einräumen muss. Die brachiale Urform des Kapitalismus scheint - nur zwei Jahrzehnte nach dem Niedergang ihres direkten Gegenentwurfs - gleichfalls am Ende der Lebensspanne angekommen.

Schon die Immobilienkrise - an die man sich demnächst noch als eher harmloses Vorbeben erinnern könnte - war ein deutliches Menetekel. Aber nicht als Ursache von Verwerfungen, sondern als unübersehbares Symptom einer dramatischen Fehlentwicklung im weltweiten Wirtschaftssystem. Mit viel Mühe und noch mehr frischem Geld gelang es vor einem Jahr zwar, den unmittelbaren Schaden einigermaßen zu kaschieren - was aber eben doch immer nur ein Herumdoktern am Symptom bleiben konnte. Wie man nun sieht, war und ist die strukturelle Krise keineswegs abgewendet.

Vielmehr steht zu befürchten, dass es nicht allein der überzogene US-Immobilienhype sein wird, der da - übrigens bereits seit Ende 2005 - ins Schlingern gerät. Etliche Derivativprodukte sowie andere undurchsichtige Geschäftsmodelle sind schon und werden noch kurz über lang unter ähnlichen Druck geraten. Denn auch sie verkörpern im wesentlichen Geschäfte mit heißer Luft und sind nicht oder kaum durch realwirtschaftliche Leistung unterlegt - im Gegenteil: Ihre grandiosen Erlöse ziehen etliche „Geschäftsmodelle“ aus dem kurzfristigen Vervespern realwirtschaftlich funktionierender Einheiten oder aus offener Steuerhinterziehung. Des weiteren dürften sich auf den Märkten noch etliche „umverpackte“ Immobilienrisiken tummeln, zum Anderen scheint realwirtschaftlicher Ersatz für das nun vermehrt freigesetzte Casinokapital nicht in Sicht.

Ein beständig wachsender Anteil des gigantischen BIP in USA wurde mit Finanzdienstleistungen generiert, während die realwirtschaftliche Leistung zunehmend erodierte. Dass ein solchen „Aufblasen“ des Kapitalmarktes möglich ist, ist zigfach bewiesen - dass es dabei eine Grenze im Ausmaß gibt, hingegen nicht. Im angeblichen Wachstum der USA war „der Wurm drin“ - was Manchen durchaus auffiel (Link). Das US-Wachstum nährte sich daneben auch aus den enormen Militärausgaben, die allerdings keine nachhaltige Steigerung der Wirtschaftskraft beinhalten und letztlich nur die Schieflage des Staatshaushaltes verstärken. Auch Kritik an der Systematik zur Ermittlung des BIP tauchte vereinzelt auf - offenbar konnte da aus einem Dollar realwirtschaftlichen BIP-Beitrag mittels „Phantom-Dollars“ schnell mal ein Vielfaches davon werden.

Doch in den vergangenen Jahren war auch viel unternommen worden, um den für das BIP in den USA entscheidenden Konsumsektor anzukurbeln. Grandioses Beispiel aus der Immobilienblase: „Cash-Out“-Refinanzierung - Der Kreditnehmer verschuldet sich über sein bestehendes Saldo hinaus und kann so Mittel für Konsum frei bekommen. Dies wurde in großem Stil praktiziert und hat etliche Haken. Zum Einen sind das „Einmal“-Effekte ohne nachhaltige Wirkung und dann funktioniert das Ganze nur, wenn die Immobilienpreise weiter steigen oder wenigstens stabil bleiben. Dann gab es das Steuer-Scheck-Programm, mit dem die US-Regierung rund 100 Mrd $ in den Konsum pumpte, die aber ebenso „Einmaleffekte“ hervorbringen. An der sich verschlechternden Einnahme-Situation breiter Schichten der Bevölkerung änderte all dies jedoch wenig - denn auch und besonders in USA konzentrierten sich die Zuwächse in Händen weniger bereits schon sehr vermögender Kreise.

Zwar unternimmt die deutsche Bundesregierung Alles, um besorgte Bürger zu beruhigen - und erhält öffentlich den Eindruck aufrecht, EU und Deutschland seien weniger von Finanzkrise betroffen. Und in der Tat ist Europa in mancher Hinsicht strukturell besser dran, eben weil z.B. noch staatliche Systeme existieren. Doch ist es eine Utopie, anzunehmen, die EU oder Deutschland könnte bei heftigen Turbolenzen in der US-Wirtschaft weitgehend ungeschoren davon kommen. Hierzu die folgende Grafik:

Welt-BIP_590x465

Aber nicht nur die hier visualisierte gegenseitige Verflechtung und Abhängigkeit ist es, die Sorgenfalten auf der Stirn hervor rufen müssen. Jähes Entsetzen muss eine kleine Passage aus diesem - interessanterweise von deutschen Medien mit Missachtung gestraften - Text verbreiten (Bitte Lesen Sie sich ihn genau durch - und schauen Sie mal genauer hin, wer ihn unterzeichnet hat...) Erschreckendes Zitat: „Finanzwerte stellen heute das 15-fache des gesamten Bruttoinlandsprodukt (BIP) aller Länder dar.

Das macht mehr als alles andere deutlich, wie beklemmend die Situation in Wahrheit schon seit Längerem ist. Ebenso eindringlich wie unausweichlich stellt sich die Frage, worin der grundlegende Nutzen von Hedgefonds und Private Equity für das Wirtschaftssystem und die es tragenden Gesellschaften überhaupt liegen mag - das neoliberale Geschwafel von Optimierung des Ressourceneinsatzes ist grade dabei, sich selbst zu widerlegen. Handelbare Risiken und den Privatisierungswahn (...von wenigen Jahren von Kanzleraspirantin Merkel selbst noch vehement vertreten...) kann man da gleich getrost mit einschließen.

Schon heute steht fest: die Deregulierer sowie ihre Weltanschauung samt Theorien haben nicht nur auf ganzer Linie versagt - sie schufen ein Chaos epochalen Ausmaßes. Abertausende Institutionen und Menschen wurden im globalen Zocker-Casino bis vor Kurzem unermesslich schnell unermesslich reich. Nun - da quasi das BIP der kommenden 15 Jahre bereits verfrühstückt ist - ist der Punkt gekommen, an dem es einfach nicht mehr weiter geht. Was eigentlich spricht da gegen die Annahme, dass genau dieser Umstand nicht von vornherein das wahre Ziel dieses vernunftfreien Spektakels gewesen sein könnte?

Und was eigentlich spricht gegen die Annahme, dass sich hinter der mit Krokodilstränen in die Öffentlichkeit gepuschten und angeblich so fürchterlich unausweichlich notwendigen „Kollektiv-Rettungsaktion“ von US-Präsident Bush - und ähnlichen, die sich andernorts noch dazu gesellen werden, sich nichts anderes verbirgt, als nur eine weitere Quadratur eines eh schon grenzenlosen Wahnsinns?

Nehmen wir die AIG, einer der weltgrößten Versicherungskonzerne. 85 Mrd. $ stellte die Fed auf Wunsch der US-Regierung zur Rettung bereit und die verbrannten wie nichts. Nach einem kurzen Hüpfer trudelt die Aktie wieder im Tiefstand vor sich hin und verbucht aktuell mit um die 3 $ einen Verlust von 95% gegenüber ihrem Vorjahreswert. Tendenz weiter fallend... Flugs entfernte man sie aus dem Dow-Jones-Index, obwohl sie erhebliche Anteile des Umsatzvolumens dort abbildet. Besonders pikant: Noch vor Jahresfrist wurden uns hier in Absurdistan Versicherungskonzerne als Ersatz für staatliche Sicherungssysteme angepriesen - nicht wahr, Herr Westerwelle? Dagegen kann man am AIG-Beispiel eine Vorstellung davon entwickeln, was Rettungspakete angesichts einer hoffnungslos verfahrenen Situation auszurichten vermögen. Und selbst wenn es 700 Mrd $ sind - von denen hofft man schließlich, das gesamte Desaster zu bereinigen.

An der Eindringlichkeit des oben in blauer Fettschrift wiedergegebenen Satzes kann kein Rettungspaket etwas ändern - es stellt sich die Systemfrage. Es rächt sich nun, dass jahrzehntelang Luft in die Finanzkeisläufe gepumpt wurde. Noch mehr Luft hineinzupumpen, kann da erkennbar keine Lösung sein. Die Luft ablassen kann oder will man aber auch nicht - schon allein aus Furcht darüber, was dann wohl noch Alles zutage treten würde. Dieselben Leute - die so gerne „...mit ihrer tiefen Sorge um kommende Generationen...“ argumentieren, um auch noch die letzten staatlichen Residuen unter ihre Kontrolle zu bringen - waren meist auch diejenigen, die sich zugleich beidseitig die Taschen vollstopften.

Es sei einmal kurz daran erinnert, dass noch vor kurzem Hedgefondsmanager Jahreseinkommen bis zu 2 Mrd $ realisierten. Beträge, die selbst gut florierende mittlere Betrieb in der Realwirtschaft über Jahrzehnte nicht einmal annähernd umsetzen - geschweige denn als Erlös erwirtschaften. Die Wirtschaftsleistung der Realwirtschaft aber ist gesellschaftskonform - hier wird etwas produziert bzw. geleistet, was Nachfrage befriedigt und Menschen Arbeit gibt. Die 2 Mrd $ des Hedgefond-Managers aber generieren sich weitgehend aus Luft. Ohne erkennbaren Nutzen für die Gesellschaft, bzw. - wie so langsam immer deutlicher hervor tritt - sogar zu deren Schaden. Das nun klar sichtbare Problem bleibt: beides ist mit dem gleichen Dollar bewertet. Man sieht einem Dollar heute nicht an, ob er aus Leistung stammt - oder Luft repräsentiert.

Hierzulande, in Absurdistan, tut man indes so, als berühre uns all dies nur peripher - offenbar möchten hier Viele gerne noch eine Weile so weiter machen - vor allem Jene natürlich, die von dem Wahnsinn profitieren. Wie groß deren Einfluss mittlerweile ist, zeigt eine Durchsicht der deutschen Medien und ihrer Berichterstattung zur Krise (siehe obigen Aufruf...). Wie löcherig das Valium-Gerede aus Berlin sein könnte, möchte ich an einem Beispiel deutlich machen: in den Jahren bis 2004 besserten etliche größere Kommunen in Deutschland ihre Haushalte mit einer schier unglaublich abenteuerlichen Konstruktion auf: Cross-Border-Leasing (grenzüberschreitendes Leasing), ehedem mal erfunden, um Flugzeugverkäufte zu finanzieren (und wohl auch verdeckt zu subventionieren...).

Es steht zu befürchten, dass diese Kommunen den „wahren Nutzen“ und den „wahren Nutznießer“ der stets windigen - und deshalb auch geheimgehaltenen - Vertragskonstruktionen erst noch so richtig kennen lernen werden. Gezielt angelockt haben Kommunen alles nur Denkbare an US-Investoren „verleast“ und gleich wieder „zurückgeleast“. Wer sich nun fragt, worin der Sinn solcher Geschäfte liegen mag, mag staunen: seinerzeit lag der Sinn vor allem darin, den amerikanischen Fiskus zu behumpsen. Investoren brachten 10-15% Eigenkapital in solche Geschäfte ein, der Rest wurde über Banken kreditiert. Von der auf die Zukunft hochgerechneten Steuerersparnis wurden der Kommune ein marginaler Teil sofort ausgezahlt - den Langfrist-Reibach aber macht natürlich der „Investor“ via Abschreibungen auf gigantische Vermögenswerte, die sonst niemals in seiner Reichweite gestanden hätten. Stets sofort grandios und natürlich überaus „leistungstragend“ mitverdient haben auch wie immer - die „Leistungsträger“ Banken, Anwaltskanzleien und Beraterklitschen hüben wie drüben.

Dieses ebenso vernunft- wie demokratieferne Schauspiel steht u.a. auch in Zusammenhang mit GATS, dem Kernarsenal des neoliberalen Angriffs auf Staatsmacht und Demokratie weltweit. Auf breiter Front gingen etliche der chronisch unter Finanznot leidenden Kommunen hierzulande vertragliche Verpflichtungen ein, die in ihrer Tragweite nicht einmal auch nur annähernd überblickt werden. Komplette Straßenbahnnetze, Kanalisierungen, Klärwerke, Müllverbrennungsanlagen, Schulen, Fuhrparks, öffentliche Gebäude etc. wurden per CBL in die Verfügungsgewalt von großen US-Investoren gebracht - um eines vergleichsweise geringen Vorteils willen - meist in Form einer einmaligen Summe von ein paar Mio €.

Hierzu muss man wissen, dass deutsche Kommunen sich aus Sicht von Finanzhaien für derartige Geschäfte ganz besonders eignen - denn, wenn die nicht zahlen können, springt hierzulande per Gesetz zunächst das Land und dann der Bund ein. Kommunalpolitiker unterschrieben nicht selten über 1000-seitige Vertragswerke in Englisch, die - und das allein ist ungeheuerlich - u.a. Geheimhaltungspflichten festlegen, deren Verletzung allein schon in manchen Fällen Schadensersatzzahlungen nach sich ziehen könnte. Komplizierend kommt hinzu, dass der Gerichtsstand solcher Verträge stets der US-Staat New York ist, wo ein höchst merkwürdiger Rechtsumstand herrscht: dort haben Verträge selbst dann Bestand, wenn sie illegal sind - was von den Urhebern dieser Gaunerei nicht anders als höchst weitsichtig einzustufen ist.

Denn das gespenstische Treiben um CBL mit öffentlichem Eigentum fand 2004 ein jähes Ende, als der US-Gesetzgeber dieses „wunderbare“ Geschäftsmodell als Steuerhinterziehung einordnete. Die vorhandenen Verträge aber bestehen weiter und die schmalen Erlöse sind durch die Kommunen längst verfrühstückt. Und nun wird es langsam interessant - falls sich der Leser schon gefragt haben sollte: „Was hat das mit der Finanzkrise zu tun?“. Lesen bildet - Lesen Sie mal hier...

Es ist klar - Kennzeichen all dieser CBL-Geschäfte ist vor allem ein gigantisches Volumen - unter 100 Mio € ging da nichts. Seinerzeit vielleicht „nicht vorhersehbar“ aber inzwischen Fakt, geriet so mancher Investor und manche beteiligte Bank ins Eiern. Es wird nun am Kleingedruckten in den überaus umfangreichen und über weite Strecken unverstandenen Vertragswerken liegen, wer da zur Kasse gebeten werden wird. Ohne Übertreibung darf wohl angenommen werden, dass auf windige Betrügereien spezialisierten US-Kanzleien diese Werke nicht zugunsten germanischer Kommunen verfasst haben werden. Interessanterweise soll die US-Versicherung AIG dem Vernehmen nach auch auf diesem Sektor beachtlich engagiert sein.

Verzweifelt kämpften Bürgerinitiativen dort, wo man Wind von diesem Irrsinn bekam, gegen solche Machenschaften an und hatten mancherorts sogar Erfolg - dennoch: rund 180 solcher Verträge soll es geben. Sie laufen auf sage und schreibe 99 Jahre - und zwar notwendigerweise, weil sonst die Steuervorteile nicht zur Geltung gekommen wären. Die anfänglichen Rückleasingszeiten streuen zwischen 20 und 30 Jahren. Die durchgesickerten Informationen sind teilweise haarsträubend - die enormen Anlagewerte werden offenbar doppelt abgeschrieben - hier und in den USA. Es gibt undurchsichtige Passagen, über die der Investor nach Ablauf des Rückleasings Zugriff auf sein Eigentum geltend machen könnte und vieles mehr... 180 Verträge a 100 Mio - macht mindestens 18 Mrd. €. Die tatsächliche Summe dürfe weit darüber liegen, da es Verträge mit Volumina bis zu 2 Mrd € gibt.

Hier drängt sich doch der Verdacht auf, dass das Valiumgerede unserer Politprominenz unter anderem auch dazu dienen könnte, den Mantel des Schweigens über Dieses und Ähnliches zu breiten. Im bevorstehenden Wahljahr 2009 würde eine öffentliche Diskussion solcher und ähnlicher Vorgänge schließlich so gar nicht gut rüberkommen. Die bange Frage bleibt indes, was wohl noch alles zu Tage treten mag, wenn die Luft aus dem Gesamtsystem erst einmal entwichen ist...

Der astronomische Reichtum der großen Volkswirtschaften demaskiert die Grundstruktur des Kapitalismus - längst wurde man sich zu fein für die mühevolle, risikoreiche und langwierige Organisation von Produktion und Arbeit. Neues Geld entstand immer weniger durch realwirtschaftliche Leistung - das beste Beispiel dafür: die USA, Der geschickte - oder man könnte auch sagen destruktive - Umgang mit immer noch irrwitzigeren Kapitalmengen machte Margen möglich, die mit „Arbeit“ nichts mehr gemein hatten und die mit Organisation von Arbeitprozessen auch nie und nimmer erreichbar gewesen wären. Gleichwohl aber legten diese „Geschäftsmodelle“ die Messlatte für die Renditen auch in der Realwirtschaft immer höher - was vermehrt auch wirtschaftlich durchaus gesunden Unternehmen den Kapitalhahn zudrehte.

Erzielt wurden diese Margen aber letztlich nicht auf Märkten, sondern durch simple Gestaltung, durchgesetzt mit purer Macht horrender Kapitalsummen und jedem nur erreichbaren Taschenspielertrick. Dieser Link als nur ein Beispiel für abertausende von ähnlich gelagerten Fällen. Man kann auch sagen: durch Plündern von Märkten, Anlegern und Arbeitern - und letztlich via Inflation durch die Plünderung aller, die auf die Verwendung von Geld angewiesen sind. Eine undurchsichtige Hydra von Thinktanks, Beratern, Analysten durchwucherte die Gesellschaften und deren Wissens- und Informationseinrichtungen mit nur dem einen Ziel: diesen Prozess zu befördern, und ihm immer wieder neuen Boden zu bereiten. Zeitgleich strömten Heere von Lobbyisten auf die politischen Systeme ein, um die politischen Randbedingungen für solche Geschäfte zu schaffen und zu erhalten - wirkungsvoll flankiert durch entsprechende Agitation in den bezahlten Medien.

Offenbar einer konzertanten Strategie folgend wurden parallel abstruse Lehren aus der Taufe gehoben und für ihre Verbreitung unter der jeweiligen Zielklientel gesorgt, um sie dann mit Zähnen und Klauen sowie aller Medienmacht zu verteidigen. Der „Circus Maximus“ der Moderne schlechthin, die Aktienbörse, blähte sich zu abstrusem Volumen auf. Keineswegs zufällig lässt sich die Analyse dessen, was dort abläuft, noch am ehesten mit Methoden der Spieltheorie greifen. Es dominieren ja Spiel und Poker, und zwar um immer höhere Wagnisse. Spekulative „Finanzprodukte“ - Termingeschäfte, Optionen, Fonds, Bonds, Derivativa jeglicher nur vorstellbaren Art stürmten die Parkette. Es wurden Wetten auf solche Wetten - und auf deren Ausgang abermals Wetten abgeschlossen. Mit Realwirtschaft hat dies praktisch nichts mehr zu tun - vielmehr ist diese längst davon selbst schwer in Mitleidenschaft gezogen.

In dieses System noch mehr Geld zu stecken, kann vorhersehbar nur darin resultieren, es noch weiter aufzublasen. Aufgrund der enormen Vermögenskonzentration wird jeder Dollar oder Euro kurz über lang bei exakt Jenen landen, die das ganze System zu ihrem eigenen Nutzen derart aufgeblasen haben - und dies, ohne nennenswerte Spuren in der Realwirtschaft zu hinterlassen. Doch auch selbst wenn es den Staaten gelingen sollte, sinnvolle Regulierungen zu implementieren, was höchst fraglich ist - was ist mit den gigantischen Beträgen, die sich bereits jenseits der Realwirtschaft konzentriert haben? Wirtschaftlich stellen diese astronomischen Geldmengen einen unübersehbaren Machtfaktor dar.

Guter Rat ist nun teuer - ja unbezahlbar. Jahrzehntelang verdrängte man die erkennbaren Symptome der Fehlentwicklung. Keine Partei, keine Institution unternahm ernsthafte Anstrengungen der Entwicklung entgegen zu treten, Alternativen oder Ausweichlösungen zu entwickeln. Der bereits begonnene Zusammenbruch des Turbo-Kapitalismus trifft so die Gesellschaften weltweit unvorbereitet. Der Aufruf der „Elder-Statesmen“ geht prinzipiell in die richtige Richtung - die Staaten müssen sich weltweit gemeinsam um eine Lösung bemühen. Demokratie und Marktwirtschaft haben sich im Prinzip ja bewährt - ebenso klar aber wurde auch: eine deregulierte Wirtschaft um der Wirtschaft selbst willen führt in den Abgrund.

Die Wirtschaft ist ein System der Gesellschaft - ein zwar sehr wichtiges, aber keineswegs ein auf sich allein gestellt lebensfähiges System. Zudem ist Brachialkapitalismus inherent instabil - auch eine Tatsache, die auch nicht wirklich neu ist. Er ist somit auf Begrenzungen angewiesen, die ihm Stabilität erst ermöglichen und diese sind nur im Verein mit der Gesellschaft dauerhaft sicher zu stellen, die der Wirtschaft ohnehin erst Basis und Legitimation für ihre Funktion verschafft.

Somit ist klar, dass jedwedes Wirtschaftssystem zu allererst den Notwendigkeiten der sie tragenden Gesellschaft zu folgen hat. Die muss der herrschende Souverän - in Demokratien ist dies das Volk und mithin seine Vertreter - der Wirtschaft via Regeln aufprägen, und nicht umgekehrt. In modernen Gesellschaften mit ihren enormen Bevölkerungszahlen gibt es hierzu keine Alternative - zumindest keine, deren Konsequenzen auf Dauer ethisch haltbar wären. Mögen sich früher einmal beträchtliche Teile der Bevölkerung in Krisenzeiten mit Naturalwirtschaft über Wasser gehalten haben, wird dies heute - zumindest in den hoch entwickelten Ländern - kaum noch möglich sein.

Wir blicken nun zurück auf Jahrzehnte, in denen Alles versucht wurde, diese Zusammenhänge auf den Kopf zu stellen - dieser Versuch scheiterte letztlich. Vielleicht mag das sich - trotz der zu erwartenden Verwerfungen - noch als Glücksfall herausstellen. Denn längst steht die Menschheit globalen Herausforderungen gegenüber, die sich jeglicher Benennung in Dollar- oder Eurobeträgen völlig entziehen. Der nun anstehende Umbruch wird nicht von selbst in eine zukunftsfestere Richtung führen - gleichwohl aber stehen, im historischen Vergleich, die Chancen dafür so gut wie nie zuvor in der Geschichte.

In vielen Ländern gibt es mit Demokratien ein politisches System, das wenigstens in Lage ist, auch unter gravierenden Veränderungen fort zu bestehen, gleiches gilt für das Wirtschaften auf markwirtschaftlicher Grundlage. Es haben sich etliche moderne Gesellschaften formiert - orientiert an langfristig tragfähigen Grundsätzen wie Menschenrechte und Umweltschutz. Zudem hat sich unsere Welt sowohl in der Auswirkung menschlichen Handelns auf die Umwelt wie auch in den Bereichen Information und Kommunikation grundlegend verändert. Überfällig ist hingegen, unsere gesellschaftlichen Strukturen mit ihren in vergangene Jahrhunderte zurück reichenden Wurzeln auf den aktuellen Stand und die vor uns liegenden Herausforderungen fortzuentwickeln - was auch tiefgreifende Änderungen im Wirtschaften beinhalten müssen wird.

Einstweilen also werden die Staaten diese Entwicklung transportieren müssen - da eine legitimierte supranationale Struktur nicht einmal in Sichtweite ist. Der Globalkapitalismus mag Katalysator gewesen sein - doch weder war er diese Struktur noch kann er Kern einer dauerhaften Lösung sein, solange ihm ein adäquates gesellschaftliches Regulativ fehlt. Hier steht zu hoffen, dass die Staaten nicht nur in der Verabredung von Kriegen und in der Durchsetzung von zweifelhafter Partialinteressen international zusammenarbeitsfähig sind, sondern dass sie die in den vergangenen Jahrzehnten praktizierte Zusammenarbeit auch zur Abwechslung mal in positive und zukunftsträchtige Entwicklung umzusetzen vermögen.

Ohne Alternative bleibt bei diesem Prozess die Beantwortung der Frage, wie derart fehlgeleitete Prinzipien soweit in die politischen Systeme auch der Demokratien hinein diffundieren und dort so lange die Oberhand behalten konnten. Spätestens hier wird sich jeder Wähler an die eigene Nase fassen müssen - und der unbequemen Frage nach seinem eigenen Anteil an der Fehlentwicklung nicht mehr ausweichen können. Demokratie ist keine Veranstaltung irgendwelcher „Anderer“ oder einiger weniger Ambitionierter - sie ist gleichsam das Immunsystem des gesellschaftlichen Körpers und verzeiht keine dauerhafte Ignoranz. Wer hier weg sieht oder sich täuschen lässt, der liefert sich selbst und Andere sowie die Gesellschaft jeder Krankheitskeim praktisch schutzlos aus.

Unsere Zukunft braucht auf Basis des Bewährten revidierte Gesellschaften, in denen wieder mehr die Vernunft - und weniger das Absurde - regiert. Gesellschaften, in denen Wirtschaften auf das ihm zukommende Maß zurecht gestützt und lebenswichtigeren Interessen untergeordnet ist. Gesellschaften, deren Mitglieder sich zum Mitwirken aufgerufen fühlen und in denen diese Mitwirkung auch sinnvoll verwertet wird. In solchen Gesellschaften kann kein Platz mehr sein für rückwärts gewandtes Elitengeschwafel und auch keiner mehr für krebsartige Konzentration wirtschaftlicher Macht oder für Cliquen-Herrschaft über die wichtigste Ressource des menschlichen Geistes überhaupt: Information und Wissen.

 

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