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Lage 2011 PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Jürgen Scheffler   
Freitag, 2. September 2011

Es war versprochen - hier also nun trotz intensiver Vorarbeit für erhebliche Umstellungen bei CogitoSum, die Aktualisierung unseres Befundes vom 20.10.2010. Man kann nicht behaupten, dass zwischenzeitlich nichts geschehen wäre. Aufschwungs-Oberfolkorist Brüderle ist nicht mehr Wirtschaftsminister und sein den Armen des Landes "spätrömische Dekadenz" vorhaltender Gesinnungskollege wird derzeit aus seiner Außenminister-Rolle sozusagen medial "herausgeschrieben". Halten wir uns nicht lange mit der überwältigenden Materialfülle auf, die die Realität derzeit vor uns auftürmt - wenden wir uns direkt dem Befund zu, der 2010 hier als Reaktion auf den für normale Menschen kaum noch zu ertragenden Aufschwungshype von Brüderle und dem Medienkartell entstehen musste. Über Änderungen in den Grafiken wundern Sie sich bitte nicht - ihre Ursache ist, dass die Zeitreihen für die letzten 5 Jahre laut destatis einer turnusmäßigen Überarbeitung unterzogen wurden, die wir hier gleich mal mit eingearbeitet haben. Gleichwohl - unserem damaligen Ansatz bleiben wir treu und verknüpfen nach wie vor folgende wichtigen Kennwerte: Arbeitnehmerentgelt, Einkommen aus Unternehmen und Vermögen, Verbraucherpreisentwicklung und die Anzahl der Erwerbstätigen nach ILO-Systematik. Neugierig bleiben wir trotzdem, schließlich stehen ja gleich zwei kleine Wunder aus: Erste Frage ist, könnte es der XXL-Aufschwung 2010 in den späteren Quartalen vielleicht doch in die Realität von Otto Normalverbraucher geschafft haben? Und die zweite Frage wäre, ist denn wenigstens beim "überraschend" starken ersten Quartal 2011 etwas herausgesprungen für ihn?

Nehmen wir die gute Nachricht vorweg - die Situation hat sich wenigstens nicht dramatisch verschlechtert - noch zumindest nicht. Zur näheren Erläuterung der Berechnung und der Grafiken können Sie sich diesen Artikel mit einem erklärenden Anhang herunterladen:
iconArtikel und Erläuterung (791.86 KB)
Doch nun im Detail zu unseren Fragen:

 

1. Wo ist er denn nun - der Aufschwung 2010?

Hatte sich der XXL-Aufschwung von Brüderle schon in unserem letzten Report zum Quartal II/2010 als janusköpfig erwiesen, so blieb auch in den beiden Folgequartalen 2010 - für die breite Bevölkerung zumindest - davon weiterhin keine Spur. Verglichen mit der Aufschwungs-Folklore von Brüderle selbst und in den Medien, wo man die deutsche Wirtschaft als Konjunktur-Lokomotive wechselweise mal im EU- mal gar im Weltrahmen pries, kommen die wahren Ergebnisse eher ernüchternd daher. Trotz des mit reichlich medialem Getöse angekündigten großen Schluck aus der Lohnpulle blieben Arbeitnehmer hier auch 2010 im Tal der Tränen gefangen. Statistisch blieben ihre nominal gestiegenen Einkommen durch preissteigerungsbedingte Reallohnverluste als auch von der Demographie her unter Druck - letzteres, weil der Erwerbspersonenanteil unter der Bevölkerung derzeit noch im Bereich eines Allzeithochs pendelt. Die Folge heißt klar: verglichen mit 2000 liegt man beim preisbereinigten Arbeitnehmereinkommen pro Kopf weiterhin im Minusbereich. Eine Bemerkung muss man noch hinzufügen: die demografische Entwicklung WIRD erst noch zuschlagen - dies wäre nicht unbedingt ein unlösbares Problem bei einer ordentlichen Lohnstruktur - mit "Billiglöhnern" allerdings droht das Ganze geradewegs in eine Katastrophe für unsere Sozialsysteme zu kippen.

2. War denn wenigstens Quartal I/2011 ein starkes Quartal?

ANEK und UVEK wechselten zwar wieder mal von Divergenz auf Konvergenz. Ein Blick auf unsere Grafik macht jedoch schnell klar, das passiert alle Jahre wieder - doch niemals so nachhaltig, dass von Trendwende die Rede sein könnte. Auch im durchaus ordentlichen Quartal I/2011 hat es die Arbeitnehmerseite pro Kopf wieder einmal nicht in die Region realer Zuwächse bezogen auf 2000 geschafft. So steht es hier im Grunde wenig verändert gegenüber unserem letzten Befund: preisbereinigt 3,2% weniger pro Kopf als 2000. Immerhin - zum ersten mal seit 2002(!) liegt das gesamte Arbeitnehmereinkommen nach Preisbereinigung wieder minimal über der Marke aus dem Jahr 2000 - aber es gibt auch im Durchschnitt gut 1 Mio Erwerbstätige mehr. Das trägt letztlich dazu bei, dass der Pro-Kopf-Vergleichswert weiter im Minus verharrt, sich allerdings gegenüber -7,1% aus Quartal IV/2010 spürbar erholte.

 
Entwicklung Einkommen aus Arbeit und aus Unternehmen/Vermögen

Auch wenn unsere Rechnung stark vereinfacht ist und nur ein paar wesentliche Größen in Beziehung setzt: diese blau-grünen Gebirge weit über den rot-orange Kurven sind weder selbstverständlich noch harmlos. In den Jahrzehnten zuvor wird man solche daher auch vergeblich suchen. Viel mehr sind sie Kern der Ursache für die sich weiter rapide öffnende Schere zwischen Arm und Reich hierzulande. Der überwiegende Teil dessen, was im zurückliegenden Jahrzehnt an Wirtschaftsleistung auf diese Weise umverteilt wurde, fließt nicht zurück in sie, oft verlässt es gar ganz die Grenzen des Landes. Mitgenommene Gewinne werden insoweit direkt zu Kapital, als sie nicht konsumiert werden - Kapital welches dann weltweit auf die Suche nach möglichst profitabler Anlage geht. Bei Lohnzuwächsen ist es genau anders herum - nur ein kleiner Teil wandert ins Kapitalcasino, während der überwiegende Rest in unsere Binnenwirtschaft strömt, weil es eben immer mehr Menschen gibt, bei denen sich ein tatsächlicher Nachholbedarf bildet, was ihren Lebensstandard betrifft.

Hinsichtlich des Arbeitnehmereinkommens muss man dabei allerdings noch einen Effekt im Hinterkopf behalten, der in unseren Kurven nicht enthalten ist. Es geht um einen weiteren und keineswegs geringen Beitrag zur Schere zwischen Arm und Reich - die Lohnspreizung. Gemeint ist das Verhältnis zwischen höchsten und niedrigsten Einkommen. Wenn bei konstanter Lohnsumme die Lohnspreizung wächst, bedeutet das glasklar: hier wachsen höhere Löhne zu Lasten niedrigerer Löhne. Volkswirtschaftlich eher ein Minusgeschäft, denn: jeder auf diese Weise umverteilte Euro wechselt von der binnenwirtschaftlich wirksamen Seite auf eine binnenwirtschaftlich weniger wirksame Seite, zu der auch die Sparquote zu zählen ist. Ähnliches gilt auch für Steuern und Abgaben. Hohe Arbeitseinkommen sowie Einkommen aus Unternehmen und Vermögen tragen zu Staat und Sozialsystemen in Relation weitaus weniger bei, als kleine und vor allem die mittleren.

Zusammengefasst bedeutet dies: unsere gegenwärtigen Verhältnisse honorieren weiterhin vor allem Einkommen aus Unternehmen und Kapital sowie Hocheinkommen. Mittlere und niedrigere Einkommen indes stagnieren oder fallen. Auch wenn die untersten Lohngruppen inzwischen kaum noch zum Steueraufkommen (wohl aber zum Sozialversicherungsaufkommen) beitragen, so bleiben sie praktisch nicht mehrbelastbar - im Gegenteil. Der Staat setzt sogar wertvolle Steuermittel ein, und subventioniert so Niedrigstlöhne absurderweise auch noch. Voll unter Druck stehen indes die mittleren Einkommen - sie werden voll zu Steuern herangezogen und sind zusätzlich bis hin zu den Beitragsbemessungsgrenzen auch voll mit Sozialabgaben belegt.

Umso bedenklicher auch die folgende - für "Coup-Berichte" auf CogitoSum neue - Grafik. Sie nimmt aus den Ursprungsdaten von destatis abgeleiteten und für jeden gut vorstellbaren Größen Arbeitnehmereinkommen pro Kopf und Einkommen aus Unternehmen und Vermögen pro Kopf und bildet ihre zeitliche Entwicklung sowohl nominal wie auch preisbereinigt auf einen Trend ab - wofür einfache lineare Regression bemüht wird.

Das Resultat spricht eine deutliche Sprache. Das Nominalwachstum des Arbeitnehmerentgelts pro Kopf verkehrt sich preisbereinigt ins Gegenteil. Bei den Einkommen aus Unternehmen und Kapital gibt es zwar auch eine sich öffnende Schere - dies ist bei fortgeschriebener Preissteigerung zwangsläufig so - dennoch weist auch der preisbereinigte Trend deutlich ins Positive, womit hier Umverteilung klar sichtbar wird. Zu erwarten wären in etwa ähnlich geneigte Kurven.

Vergleich Einkommen aus Arbeit vs Unternehmen / Vernoegen

Der Befund ist so derart klar, dass selbst uns das überrascht hat. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten oder Neiddebatten - diese Grafik zeigt wie wenige im Land, in welchem Ausmaß Arbeitnehmer in Absurdistan rasiert werden - und es trifft vor allem den Mittelstand. Eines der Probleme hier ist, dass man solche Grafiken sonst nirgendwo findet - obwohl hier mit kaum mehr als den vier Grundrechenarten die tägliche Erfahrung vieler Menschen mit der Information, die Statistik eigentlich bieten würde, in Einklang gebracht wird. Die traurige Wahrheit ist: niemand unter den kommerziellen Medien wird darüber schreiben wollen - es könnten ja Anzeigenkunden sauer werden.

Natürlich sind die Berechnungen des BIP bei destatis um ein vielfaches detaillierter und aufwändiger als unsere einfache Rechnung hier. Der Sinn des ganzen Aufwands bleibt aber letztlich, eben hoch verdichtete Kennwerte zu ermitteln. Deren Weiterverarbeitung muss mithin auch zu plausiblen Ergebnissen führen - auch wenn wir z.B. nun keine unterschiedlichen Trends für einzelne Branchen betrachten, sondern uns einen Überblick über die Unterscheidung zwischen Einkommen aus Arbeit und Einkommen aus Unternehmen und Kapital verschaffen wollen.

Betrachtet man die Berechnungen von destatis zu Löhnen und Einkommen näher, so kommen an vielen Stellen komplexe Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit ins Spiel, die wir hier systematisch ausgelassen haben. Falsch ist dieses Vorgehen gleichwohl nicht - im Gegenteil es verschafft sehr viel schneller einen Überblick, weil es eben auf schwer verrückbaren Eckwerten basiert. Dies bedeutet nun nicht, dass man nun die destatis Arbeit in Frage stellen muss. Vielmehr liefert das Amt eben im wesentlichen Statistiken mit solchen Inhalten, die aus dem politisch-ökonomischen Bereich nachgefragt werden. Doch wer dort hat schon ein Interesse, z.B. Mechanismen fortschreitender Vermögenskonzentration auf den Grund zu gehen?

Wie auch immer - man darf keineswegs versäumen, auf die Konsequenzen des Anhaltens dieser Entwicklung aufmerksam zu machen. Das hierzulande in früheren Zeiten mal hoch erfolgreiche Modell der sozialen Marktwirtschaft muss bei Anhalten dieser Entwicklung rasant weiter an den Abgrund geraten - dies besonders dann, wenn immer mehr Steuermittel in die Bekämpfung der Finanzkrise wandern. Sicher - es gibt Globalisierung, es gibt Rationalisierung - beides Trends, an denen es erstens keinen Weg vorbei gibt und zweitens stellen sie beide eine hergebrachte wesentliche Grundlage unseres Sozialstaats in Frage: das Lohnerwerbsmodell als gesellschaftsweiten Lebensentwurf als Basis für unsere Sozialsysteme.

Wer glaubt, diese Prozesse träten nun in eine Verschnaufpause ein, der irrt grundlegend. Es ist im Gegenteil absehbar, dass uns der Fortschritt in Informations- und Kommunikationstechnologie weiterhin Jobschwund in steigendem Ausmaß bescheren wird. Hierzu braucht es nur einen Blick auf den aktuell angekündigten Arbeitsplatzabbau aus den Bereichen Banken, Versicherungen und anderer Dienstleistungs-Branchen. Im produzierenden Gewerbe, in dem es überwiegend noch ordentliche Jobs gibt, stagniert bzw. sinkt die Beschäftigung bereits seit längerem. All dies wird vor allem den heute noch mittleren Einkommensbereich am meisten betreffen - und ganz sicher wird es keinen Beschäftigungssektor geben, der die freiwerdende Arbeitskraft zu vergleichbaren Konditionen aufnehmen kann. Prekäre Beschäftigung aber KANN unsere Sozialsysteme nicht sichern.

Wer hierzulande also weiter einen Sozialstaat will - und das dürfte wohl noch eine große Mehrheit sein - darf sich angesichts dessen keiner weiteren Lethargie mehr hingeben, auch wenn es ihm selbst vielleicht noch gut geht. Er darf es nicht mehr länger allein Profiteuren und Eliten überlassen, wohin die Reise geht - denn diese streben naturgemäß zunächst mal nach Erhaltung ihrer Profite und Privilegien. Und leider sind es nur solche Gleise, die längst verlegt sind, und es sind die bisher einzigen. Woran es fehlt, sind Visionen und wirtschaftlich wie politisch tragfähige Konzepte für einen grundlegenden und zukunftsfesten Umbau des Sozialstaats, die ihn wieder konform zu den sich längst schon vollziehenden Entwicklungen machen - denn nur dann wird der Sozialstaat die Wandlung vom gegenwärtigen Auslaufmodell zum Zukunftsmodell schaffen können.

Hierauf gerichtete Maßnahmen dürften sich allerdings sehr bald schon auszahlen - denn fast sämtlichen heute noch boomenden Schwellenstaaten stehen mittelfristig schwere soziale Verwerfungen bevor. Gute Sozialstandards, hervorragende Bildung und Forschung, Top-Infrastruktur, und eine radikal vereinfachten und gestraffte Verwaltung wären die Zutaten, die man braucht, um nachhaltig gesellschaftlichen Frieden und hohen gesellschaftlichen Organisationsgrad zu ermöglichen und zu erhalten. Diese Strukturelemente haben dieses Land und viele andere schon einmal - wenn auch unter anderen Randbedingungen - weit nach vorn gebracht. Man sollte ihnen unbedingt die Chance einräumen, es wieder zu tun...

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