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Geschrieben von Jürgen Scheffler   
Samstag, 21. Oktober 2006

So mancher in diesen Tagen wundert sich über den Zustand der Republik und mag sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Völlig unrepräsentativ und bewusst aggressiv greife ich mal das folgende Beispiel heraus: Als Unterschicht-Debattant kann man an diesem Interview unter der Überschrift "Das Gefühl abgehängt worden zu sein" auf Spiegel-Online einfach nicht vorbei. Ex-Soziologie Student, Ex-Spiegel- und nun Sternautor (!) Reinhard Mohr führt da in bester Sabine-Christiansen-Manier ein Interview mit dem Kollegen Heinz Bude, veritabler Professor für Makro-Soziologie an der Universität Kassel. Getreu dem Vorbild scheint über dem Interview die Direktive zu schweben, dass bei ihm nur ja nichts Verwertbares heraus kommen darf. Dies haben die beiden erfahrenen Medienprofis (jeder hat diverse Bücher und unzählige Artikel in namhaftesten Zeitschriften auf dem Kerbholz) dann auch so beeindruckend hin bekommen, dass sich die Frage stellt, ob das Honorar der Spiegels hier wirklich den Löwenanteil der Einnahmen beider für diesen Blödsinn darstellt. Noch selten stand etwas auf Spiegel-Online zu lesen, das dermaßen vor manipulativem Unsinn nur so strotzte, wie dieses Machwerk. Daneben stellt sich da auch noch die Frage, wieso überhaupt der Spiegel eine derartige Minderqualität veröffentlicht. Reinhard Mohr ist Mitarbeiter beim Stern - sie wissen schon, jene Illustrierte, deren stellvertretender Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges sich nicht nur in Fernsehsendungen durch in hoher Kadenz abgegebene Brachial-Werbung für neoliberale Kernziele auszeichnet. Schauen wir doch mal näher hin...


Zunächst zum Interview selbst - Zu Anfang feiern wir natürlich den gigantischen Aufschwung (in dem wir uns befinden, weil wir Anlauf auf die Mehrwertsteuer-Erhöhung nehmen). Wenn Budes Aussage, neben dem Begriff Armut sei auch der Begriff Arbeitslosigkeit "veraltet" die derzeitige Erkenntnisspitze der Soziologie hierzulande repräsentiert, dann bleibt einem denkenden Beobachter nur noch der kopfschüttelnde Stoßseufzer "Armes Deutschland". Offenbar hat dieser Mensch eine Vorliebe für Themaverfehlungen und Verschleierungen aller Art. Allein die Art und Weise, wie er den netten Satz: "Ach, warum soll ich eigentlich für die fetten Raucher mit Bierflasche in die Sozialsysteme einzahlen...?" undurchsichtig in sein Statement ein flechtet, lässt über seine geistige Heimat kaum noch Zweifel zu. Das ganze ist, für einen Soziologieprofessor zumal, ein Statement, das ihn eigentlich allein schon fast seinen Lehrstuhl kosten müsste.


Danach ist von Wirklichkeitsverlust der Politik die Rede - und man darf angewandte Manipulationstechnik in Reinkultur bewundern. Bude räumt die Möglichkeit eines Realitätsverlustes ein, bezieht sie aber darauf, dass - und nun halte man sich fest - "ethnisch zu homogen" diskutiert worden sei. Hier scheint doch wenn, eher ein besorgniserregendes Ausmaß an Realitätsverlust bei Bude selbst gegeben - dieser Mann bildet schließlich junge Menschen hierzulande in Soziologie aus, was soll dabei bloß heraus kommen?


Ein Statement weiter stellt Bude fest, dass es hierzulande 10% Menschen gäbe, die nur GLAUBEN (so meint er es offenbar), dass es auf sie nicht mehr ankäme - und dann... Zitat: "Und darunter sind auch Menschen, die recht auskömmlich leben können und sogar in soziale Zusammenhänge integriert sind". Aha - sagt sich da der aufmerksame Leser - diese Leute sollten also eher nicht auskömmlich (oder überhaupt?) leben - und Ihre Noch-Integration in soziale Zusammenhänge scheint da irgendwie irgendwem auch ein Dorn im Auge zu sein.


Sodann bekommen die Bürger der Ex-DDR ihr Fett weg - ihnen fehle es an demokratischer Alltagserfahrung stellt diesmal Interviewer Mohr fest und daher sei dort das "Die da oben machen ja doch immer was sie wollen" so verbreitet. Als ob dies im Westen anders wäre. Vielleicht sollten die Herrschaften mal mit Menschen auf den Straßen Baden-Württembergs oder Bayerns reden. Für Leute die sich als Sperrspitze soziologischer Erkenntnis sehen, kein so völlig abwegiger Gedanke. Dann nämlich würden ihnen noch ganz andere Ansichten der Realität zu Ohren kommen und mit bisschen Glück sogar ins Hirn gelangen.


Wenig weiter unten wird Herr Bude dann zum einzigen Male konkret - und dies muss man nun zitieren, weil eine derartige Anballung von Schwachsinn sich kaum noch beschreiben lässt: "Nehmen wir die "ausbildungsmüden Jugendlichen": Mit denen kann man machen, was man will, die sehen einfach keine Perspektive. Da ist eben nicht Lehrstellenmangel das Problem, sondern das Fehlen jeder Vorstellung, eine mehrjährige Ausbildung könne zum beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg führen. Der innere Zusammenhang von Anstrengung und Belohnung, Leistung und Erfolg wird überhaupt nicht gesehen." Stirnrunzeln - ich dachte immer, es gäbe zu wenig Lehrstellen für zu viele Bewerber - und nicht umgekehrt? Junge Menschen sollen sich nach Bude also vorstellen wie es ist, wenn man einen ordentlichen Ausbildungsplatz hat und dort mit beruflicher Perspektive für sein Leben lernt? Schafft dies dann mehr Ausbildungsplätze? Das ist ja noch lächerlicher als die andere neoliberale Kernthese, Arbeitszeitverlängerung brächte mehr Arbeitsplätze! Wie zum Teufel sollen junge Menschen denn den Zusammenhang erkennen, dass Anstrengung belohnt wird, wenn es bei weitem zu wenig Gelegenheiten gibt, diese Erfahrung überhaupt zu machen und noch dazu das Schicksal ihrer Eltern ihnen in der Mehrzahl das glatte Gegenteil vorlebt? Was junge Menschen in unserem System heute überwiegend erfahren, ist, dass man andere Menschen missbrauchen und betrügen muss (Handy-Verträge, Ratenkredite mit Wucherzinsen, Handy-Klingeltöne, u.v.m.), um sich einen anerkannten Platz an den Futterkrippen der gegenwärtigen Ungesellschaft zu sichern. Herr Bude sollte sich mal dringendst fragen - ob viele junge Menschen nicht vielleicht deswegen keine Perspektive sehen, weil real auch keine da ist...


Interessant auch zu lesen, dass Herr Bude die Botschaft "Erfolg ohne Leistung" für überwunden hält - und nun nur noch die dummen Armen davon abzubringen seien. Besonders dieses Interview selbst - wie auch so manche Glanzleistung unserer Tage auch (man denke da nur an die Schilda-Reformen im Gesundheitswesen) beweisen dabei das real existierende Gegenteil dieser These, wie es eindrucksvoller kaum noch möglich ist.


Zum Thema Bildung nimmt Bude dann - nach dem Vorangegangenen nicht mehr wirklich überraschend - eine besonders differenzierte Haltung ein und faselt von einem "überzogenen Bildungsbegriff". Denn diese sei beispielsweise im Handel und im Handwerk gar nicht gefragt. Bar jeder Verunreinigung durch alle Erkenntnisse, nicht zuletzt der Soziologie, redet Bude dann einer Vorstellung das Wort die allenfalls absolutistischen Herrschern gut zu Gesicht stünde. Offenbar schwebt ihm ein Bildungswesen vor,  dass die Ausbildung der künftigen Putzfrau (woher weiß das System das eigentlich?) auf das Lesen von Gebrauchsanweisungen auf Reinigungsmittelpullen optimiert. Wobei Lesen an sich schon gefährlich ist - das eine oder andere könnte diese Frau nachher vielleicht auch noch lesen - am Ende gar dieses Interview? Dahinter steht klar der neoliberale Elitenwahn in Reinkultur. Sicherung der Herrschaft durch Abschottung der herrschenden Gruppen. Lieber solle man diese Menschen auf das "einfache Arbeiten" und das "einfache Leben" trainieren (wer wählt da eigentlich mit welchem Recht aus?) - fährt dieser Professor dann fort und endet mit dem Aufruf - der postmaterielle Egalitarismus sei nun endlich aufzugeben - ich denke eher, es wäre ein vermutlich nicht geringer Beitrag zur gesellschaftlichen Gesundung, würden wir diesen Professor aufgeben.


Wenn ich - liebe Leser - je Zweifel gehabt haben sollte, dass meine Mühen hier um und bei CogitoSum vielleicht keinen besonderen Sinn (da fällt mir doch gleich noch so ein Professor ein) oder vielleicht unnötige Doppelarbeit darstellen, sind diese nach dem Lesen dieses Interview restlos verflogen. Noch selten ist mir ein derartiger Blödsinn unter die Augen gekommen - dagegen ist ja sogar das FDP-Programm noch fast harmlos. Alles andere als harmlos hingegen ist die Tatsache, dass Menschen mit derart deformierter Denke die Informationsstrukturen unserer Gesellschaft und deren Talkshows bevölkern - ja Bude als Soziologie-Professor sogar noch junge Menschen "verbildet" muss man wohl eher sagen. Beide haben ihr Leben lang vermutlich noch nie richtig gearbeitet - und selbst auf jenen Gebieten, aus denen sie ihr wahrscheinlich keineswegs geringes Einkommen beziehen, scheinen sie zu keiner wirklichen Leistung fähig oder bereit. Nicht zu unterschätzender Befund auch - dieser Quatsch wird auch noch auf der Website einer der führenden Medien in Deutschland veröffentlicht! Hier sind wir ganz dicht an der Quelle eines der großen Problemkreise gelandet, die unsere heutige Gesellschaft plagen. Solche und andere Clübchen gibt es nämlich im Lande zuhauf - Lobbyisten, Verbände, Initiativen wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Alle schmeißen sie sich die gewinnträchtigen Bällchen zu wie Jongleure - und sie müssen irrelevantes marginales Zeug absondern, weil jeglicher ernsthaft auf Problemerkenntnis oder gar Problemlösung gerichteter Beitrag die Pfründe dieser Subkultur unmittelbar bedroht.


Einen gemeinsamen Club der beiden Protagonisten kann man auf diesem Internetportal näher besichtigen. Hier findet sich gradezu eine Ansammlung von Belanglosem hinter sich wahre Missstände so vortrefflich verbergen lassen. Mehr als anderswo wird dort die Sitte gepflegt, Probleme in einer kaum mehr erträglichen Weise zu zerreden - "Familie contra Singles" ist so ein Leitspruch der Seite und es finden sich durchaus kreative Abwandlungen zum Thema "Wie lenke ich Menschen von wahren Problemursachen ab?" in allerlei Variationen. Wenn das die geistige Heimat eines Teils unserer heutigen Elite ist, wundert einen nur noch wenig. Professor Bude indes scheint ein besonders strammer Verfechter dieses Prinzips zu sein, immerhin verbrach er auch schon Bücher mit derart bedeutungsschwangeren Titeln wie: "Die Flakhelfer-Generation" oder "Das Altern einer Generation". Dieser Link vermittelte schon 1999 einen interessanten Eindruck von dieser Person. Nicht, dass Bude eine neue Ideologie entwickelte - er scheint sich völlig mit der Zerstörung jeglicher Erkenntnis zu begnügen. Und die funktioniert (zufällig?) immer nach dem gleichen Prinzip, welches auch Rückgrat und Fernziel neoliberaler Propaganda darstellt. "Teile und Herrsche" nennt sich dieses seit Tausenden von Jahren.


Ein solch großes Geheimnis ist das nicht, dass man durch Spaltungen von Gruppen Teilgruppen gegeneinander hetzen und dabei - so nebenher - Raum für eigene völlig anders gelagerte Interessen schaffen kann. Vielleicht lehnt Bude die Schere zwischen Arm und Reich als Erkenntnis auch nur deswegen ab, weil diese für ihn als Soziologen viel unangehme Arbeit und wenig einträgliche Bällchen bedeutet. Man muss halt nur dieses Prinzip anwenden und nicht darüber reden. Ebenso um Himmels Willen nicht über die realen Gründe in Betrachtung stehender Probleme - in dem gesamten Interview oben werden die ökonomischen Randbedingungen und ihr Einfluss auf soziologische Zusammenhänge völlig ausgeblendet - ökonomische Zusammenhänge erwähnt Bude nur einmal und dann stellt er dazu fest, sie seien undurchschaubar. Stattdessen feiert er die Erkenntnis - arme Menschen seien bereits wieder am Zustand ihres Gebisses auszumachen - als kommunikationswürdiges Symptom, dessen Ursprung er sogleich wahrheitswidrig weg von hiesigen Jahrhundertreformen in die USA verlegt.


Wer sich immer schon fragte, wie unsere Gesellschaft derart verkommen konnte, dürfte mit diesem Interview einige Schritte in der Beantwortung vorangekommen sein. In Politik und Medien wimmelt es von Nichtsnutzen - die stets und ausschließlich den eigenen Vorteil im Auge haben, wenn sie die ihnen von der Gesellschaft übertragene Macht missbrauchen. Damit nicht genug versuchen sie, dieses asoziale Verhalten auch noch als den rechten Weg hinzustellen und wundern sich dann, wenn andere dies nachahmen wollen. Viele dieser Leute, wie Professor Bude und andere seines Standes, leben in Wahrheit und längst gewohnheitsmäßig höchst luxuriös auf Kosten jener, die sie über die sich fortwährend derart zynisch lustig machen. "...vergib Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun..." kommt einem angesichts der Nähe eines Professor Bude zur Soziologie indes nur noch schwer über die Lippen - eher bleibt einem da schon eine ausgeprägte Eignung als vortreffliches Einsparpotential in Erinnerung.

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