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Zukunft der Sozialsysteme (1) Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 6
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Geschrieben von Jürgen Scheffler   
Samstag, 18. November 2006
Beitragsinhalt
Zukunft der Sozialsysteme (1)
0. Modell - Beschreibung
1. Heutige Situation
2. Demographisch korrekte Situation heute
3. Systemgrenzen und Wirtschaftsdogmen

Massendemonstrationen in Deutschland. 200.000 brachten die Gewerkschaften im Oktober bundesweit auf die Straßen. Gegenstand des Protestes: Widerstand gegen die Politik der großen Koalition. Was aber ist zu tun? Hier scheiden sich die Geister - die Sozialdemokraten negieren weiter die erdrückende Erkenntnis, dass ihre Agendapolitik gescheitert ist und ihre Auswirkungen inzwischen sozialdemokratische Werte fast völlig untergemangelt haben. Union und FDP geben sich fern aller Realität so, als ob ihre Lösungen, Wachstum durch Deregulierung, in jüngerer Zeit irgendwo irgendwelche Erfolge vorzuweisen hätten. Niemand im Bundestag - inklusive der Linkspartei - will sehen, dass insbesonders unsere Sozialsysteme von schwerwiegenden Strukturdefiziten geplagt sind, die immer bedrohlichere Ausmaße annehmen. Keine Form von Sparwahn, keine noch so perfekte Verunterschichtung von Armen wird den immer verheerenderen Auswirkungen dieser Defizite Herr werden können. Doch was weiter vorherrscht, ist das Festhalten an den jeweils alten - erwiesenermaßen unbrauchbaren - Konzepten sowie allfälliges Herumdoktern an den Symptomen. Dies ist günstigstenfalls nur wirkungslos, zumeist aber tragen die umgesetzten Maßnahmen zum weiteren Ansehensverlust der staatlichen Sozialysteme bei. Dabei sollte es den Regierenden längst unter den Nägeln brennen - nicht eine Woche vergeht, ohne dass mindestens irgendeine neue Alarmbotschaft über sich rapide verschlechternde Zustände in der Gesellschaft ihren Weg durch den Mediendschungel bahnt. Gesundheitsreförmchen, klamme Rentenkassen, Altersarmut, Kinderarmut, Unterschichtdebatte, Verwahrlosung armer Familien, Irrwitzige Zustände auf dem Arbeitsmarkt, krasse Fehlleistungen in Unternehmen u.v.m. lösen sich in munterer Reihenfolge ab. Ernste politische Alarmzeichen treten hinzu - stark rückläufige Wahlbeteiligung, Mitgliederschwund in den Parteien und Aufschwung für das braune Gesocks. Und doch wieder: das Nachrichtenmagazin Focus und andere glauben, das Land mit dieser nur noch mühsam als Sensation anzuhübschenden ollen Kamelle abermals aufschrecken zu müssen - Deutschland vergreist - Oh Schreck! Renteneintrittsalter 74(!!!) wird sogleich als Lösungsprojektion aus dem Hut gezaubert... während man hingeht, und leise die offziell Nullrunden unterliegenden Renten weiter absenken (Link) will - genauer formuliert: Nicht die Renten werden gesenkt (sonst könnte man ja von Lüge sprechen), aber die Krankenkassenbeiträge für Rentner werden erhöht - was für den Rentner auf dasselbe hinausläuft - er wird 2007 abermals einige Euro weniger in der Tasche haben. Was, wenn nicht sowas, ist ein guter Grund, den Zusammenhängen von Rentensystem und Demographie mal etwas näher auf den Grund zu gehen?

Genau dies tun wir in diesem - aufgrund seines Umfangs - zweiteiligen Beitrag. Wir beschäftigen uns zunächst mit der aktuellen Diskussion hierzu - der allerdings ein außerordentlich niedriger Gehalt an Lösungsansätzen für die zweifelsfrei vorhandenen Probleme in der Altersversorgung hierzulande bescheinigt werden muss. Diesem Mangel begegnen wir mit einem einfachen Rechenmodell für ein echtes Umlagesystem, mit dem wir eine Reihe Betrachtungen anstellen wollen. In unserem Forum finden Sie können sie sich hier zu an Diskussionen beteiligen.


Stand der öffentlichen Diskussion über Rentensystem und Demographie


Bevor wir uns daran machen, soll an diesen Beispielen die Struktur derartiger Meldungen ein wenig hinterfragt werden. Auslöser der Focus-Meldung hier war die turnusmäßige Veröffentlichung der Ergebnisse zur Bevölkerungs-Vorausberechnung durch das statistische Bundesamt am 07.11.2006. Dort wurde in drei Varianten - mit jeweils unterschiedlichen Zuwanderungsraten - vorher berechnet, wie sich wohl die hiesige Bevölkerung im Jahre 2050 zusammensetzen KÖNNTE. Gehen wir mal davon aus, dass die Wissenschaftler ihren Job ordentlich gemacht haben.


Dass unsere Demographie sich aufgrund von niedrigen Geburtenraten in Verbindung mit steigender Lebenserwartung verändern wird, sollte sogar einem Erstklässler einleuchten. Interessant dagegen ist, wie dieser Umstand von einschlägig interessierten Kreisen genutzt - oder sagen wir besser - missbraucht wird, um politisches Kapital heraus zu schlagen. Viele Menschen glauben sowieso längst, schon heute sei die Demographie für Probleme in den Rentenkassen verantwortlich. Mittels dieser Unwahrheit wird den Menschen unterschwellig suggeriert, bei heutigen Verhältnissen sei eine staatliche Rente kaum noch zu organisieren.


Der Gedankengang, auf den die Propagandisten hier zielen, hat in etwa folgende Struktur: den Menschen soll suggeriert werden, dass die demographische Struktur die Konstruktion eines Umlagesystems für die Altersversorgung nicht mehr erlaube. Intuitiv ist jedem klar, dass eine kleine Minderheit von jungen Menschen nicht eine Mehrheit alter Menschen via Umlage finanzieren kann - und genau an diese in sich logisch korrekte Trivial-Vision knüpft die Propaganda an. Dabei entspricht diese Trivial-Vision nicht nur NICHT der Realität, nein - sie KANN so auch niemals - zumindest nicht auf natürlichem Wege - eintreten, gleich wie sehr die Alterspyramide sich verändern mag. Jeder Rentner hat zuvor nämlich ein Erwerbsleben hinter sich gebracht.


Was es allenfalls geben kann, sind vorrübergehende Störungen - wie sie eintreten werden, wenn hier die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Für um die 20 Jahre kann es zu erhöhten Rentnerzahlen kommen, bis sich dann der Normalzustand wieder einstellt wie er sich bei gleichbliebender Geburtenrate immer ergibt. Hierüber täuscht man die Menschen heute - und ergänzt die Trivial-Vision noch mit dem Argument steigender Lebenserwartung. Und diese steigt zwar - doch nur sehr langsam. Doch jede Detail-Betrachtung und Quantifizierung wird vermieden - zum Beweis für die Richtigkeit der falschen Thesen wird dann die Schieflage des gegenwärtigen Rentensystems angeführt - und auch hier wieder: nur oberflächlich betrachtet stimmt es - unsere Rentenkassen haben Probleme .


Dies jedoch ist nicht einmal die halbe Wahrheit - denn was da nicht mehr organisierbar ist, sind vor allem die vielfältigen strukturellen Defizite der Altersversorgung hierzulande insgesamt. Für bestimmte Gruppen nämlich organisiert Vater Staat sehr wohl eine auskömmliche Altersversorgung - die durchschnittliche Pension von Beamten liegt mit deutlich über 2.000 €(!) im Bereich der Höchstgrenze der gesetzlichen Rente. Gemessen an den Perspektiven sozialversicherungspflichtig Beschäftigter inzwischen eine Ungerechtigkeit erster Güte - ausgerechnet jene, deren Einzahlungen die aktuelle Rentnergeneration unterhalten (wozu Beamte praktisch nicht beitragen), sollen im Alter mit immer weniger Geld abgespeist werden. Die hohe Dauerarbeitslosigkeit verstärkt diese Ungerechtigkeit noch - für die meisten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist inzwischen Realität, dass sich im Erwerbsleben einige Jahre Arbeitslosigkeit oder Niedriglohnjob bei den ohnehin schon niedrigen Renten auch noch rentenmindernd "auftürmen".


Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte stehen heute längst als die Looser der Nation da - gesetzlich sind sie in ein ungerechtes System gepresst, fortwährend werden sie für die Finanzierung irgendwelcher "Besitzstandserhaltung" gemolken und dürfen dann im Alter auch noch selbst mit karger Versorgung rechnen. Erst wenn jemand viel verdient, verringert sich widersinnigerweise seine relative Zahllast oder er kann sich als Selbstständiger ganz aus diesem Irrsinnssystem verabschieden. Diese absurde Struktur ist im Gesundheitssystem in ähnlicher Weise gegeben. Dies führt zwingend zu hohen Beitragssätzen, wobei gleichzeitig die Kernfunktion armutsfester Leistungen immer weniger erfüllt wird. Die hohen Beitragssätze bei miesen Leistungen wiederum machen diese Systeme bei der Bevölkerung unbeliebt und den Abbau sozialversicherungspflichter Arbeitsplätze zusätzlich attraktiv - wofür die Politik mit abgabenbegünstigten Minijobs verräterischerweise auch noch gleich ein Verhikel bereit stellt. Wer so handelt, der will die Sozialsysteme nicht reformieren, sondern sie demontieren.


Die sich so für unser deformiertes Rentensystem ergebenden Schreckensszenarien führen dazu, dass junge Menschen ihre Renten abschreiben und Rentner um die Sicherheit ihrer Renten fürchten - interessierte Kreise zündeln gewohnheitsmäßig an unsinnigen Generationenkonflikten herum. Überhaupt ist das Ansehen der Sozialsysteme in der Öffentlichkeit auf dem Tiefpunkt - sie werden zunehmend nur noch als (eigentlich unnötiger) Kostenfaktor begriffen - vor allem in Anbetracht von auf breiter Front ständig sinkenden Leistungen. Ein sehr ernst zu nehmendes Resultat dieses Verwirrspiels und - alles in Allem barer Unsinn. Kaum mehr als ein notdüftiges Deckmäntelchen für Prozesse, die in Wahrheit Besitzstandswahrung einerseits und die Filettierung des staatlichen Rentensystems für die nimmersatte Kapitalhydra andererseits beinhalten.


Man schaue sich hierzu nur die Werbung von Versicherungsunternehmen an - jede der regelmäßig in den Medien kommunzierten Schreckenbotschaften wird dort vertriebsfördend verwendet - fast fühlt man sich an den Ablasshandel vor der Reformation erinnert. Dabei ist das Deutschland des Jahres 2006 in Wahrheit den Auswirkungen des demographischen Wandels bisher noch kaum ausgesetzt. Längst aber winkt der Versicherungswirtschaft schon ein zig-Milliarden Geschäft - dann nämlich, wenn die staatlichen Systeme hier ganz zusammenbrechen. Ganze Horden von Lobbyisten werfen inzwischen all ihre Energie in die Waagschale, um nur ja diesen Weg fortzusetzen.


Die wahre Lage heute indes: Allenfalls geringfügig ansteigende Rentnerzahlen sind zu verzeichnen. Allein Herr Ackermann könnte von seinem Einkommen Monat für Monat locker 1.000 der ohnehin schon bedenklich geringen Durchschnittsrenten bestreiten - allein von den Zinsen des Albrecht-Vermögens (ALDI) könnten gar gute 120.000 davon auf Dauer (!) finanziert werden. Beide aber tragen zum Rentensystem direkt praktisch nichts bei. Zudem steht diesem kleinen Mehr an Rentnern derzeit auch noch Folgendes gegenüber: die Zahl der Erwerbspersonen bewegt sich derzeit auf den höchsten Werten, die unser Land je gesehen hat - sie pendelt seit der Jahrtausendwende um die 42 Mio. Die Zahl der ErwerbsTÄTIGEN (die für volkswirtschaftliche Gesamtrechungen maßgebende Zahl) ist seit 15 Jahren bei 38,5 Mio in etwa konstant. Tatsache allerdings ist, dass von diesen nur noch rund 26 Mio einer sozialversicherungspflichten Arbeit nachgehen - hierin und nicht in der Demographie liegt nämlich die Ursache für die aktuelle Ebbe in den Rentenkassen. Und nun kommen Nachrichtenmacher mit der Botschaft - im Jahre 2050 werde das Renteneinttrittsalter 74 Jahre betragen müssen.


Hallo? 2050 - das ist in 44 Jahren! Vor 44 Jahren schrieben wir 1962 und US-Präsident John F. Kennedy schickte Militär zur Universität von Missisippi, damit ein farbiger Student sich dort einschreiben konnte! Diesen Umstand MUSS man unbedingt im Auge behalten, bevor man sich Panik aufschwatzen lässt. Im Interesse aller steht doch wohl zu hoffen, dass wir in 44 Jahren nicht immer noch dieses ungerechte und unzweckmäßige Rentensystem von vorgestern mit uns herum schleppen. Natürlich - unsere Sozialsysteme werden sich der Entwicklung schon anpassen müssen. Doch bleibt nach wie vor die entscheidende Frage, wie diese Anpassung von statten zu gehen hat. Und DA gelangen wir dann auch sogleich an die wirklichen Probleme in Deutschland. Denn unser Problem ist aktuell etwa nicht, dass nicht genug Geld für die Finanzierung des Alters da wäre - unser Problem ist, dass die hierfür gesellschaftsweit aufwendenten Gelder in hohem Maße unvernünftig und ungerecht verteilt werden und das ganze System sich zudem volkswirtschaftlich unvernünftig finanziert. Und all dies in jüngerer Zeit vermehrt nach Maßstäben des Staates Absurdistan.


Die Wiedervereinigung wäre die politische Jahrhundertchance überhaupt gewesen, unsere Sozialsysteme insgesamt besser zu strukturieren und fit für die Zukunft zu machen. Diese Chance wurde von der Regierung Kohl - wohl nicht zuletzt mit Blick auf die eigene Klientel - verpennt (oder genauer: bewusst unterschlagen). Obwohl der Sache nach nahezu überlebensnotwendig - geschah so gut wie nichts. Mit einem Schlag traten 16 Mio Menschen in das System ein, mit ihren vorhanden Biographien. Das an sich wäre, wir wir noch sehen werden, nicht notwendigerweise ein unlösbares Problem - es wurde aber zum Problem durch das Scheitern des Aufbau Ost. Spätestens seit dieser Erkenntnis sind echte Reformen überfällig - wie wir alle wissen, warten wir jedoch noch heute auf Reformen, die diesen Namen wirklich verdienen. Unterdessen sind die Strukturdefizite unseres Rentensystems munter dabei, jenes eine Merkmal an ihm, welches zweifellos sein größter Vorzug ist, nahezu vollständig in Verruf bringen: die Umlagefinanzierung. Dies ist der Struktur nach sehr im Interesse Neoliberaler Ideologie - und daher lässt man diesen Trend nicht nur gewähren sondern fördert ihn nach besten Kräften.


Die tief verstrickte Politik indes ist handlungsunfähig mit dem Resultat, dass man nun schon seit mehr als 15 Jahren bezüglich der aus einschlägiger Sicht so sehr nützlichen Strukturmängel die ruhige Hand walten lässt - will heißen: nichts, aber auch rein gar nichts dagegen unternimmt. Wir erinnern uns alle noch an den seinerzeit zuständigen Minister Norbert Blüm - "Die Rente ist sicher!" flimmerte anläßlich von Wahlkämpfen über die TV-Bildschirme der Nation. Wie sicher, wissen wir heute. Besteuerung, Kranken- und Pflegekassenbeiträge sowie Zuzahlungsmanie knabbern munter längst deutlich gesenkte Renten selbst auf dem inzwischen erreichten niedrigen Niveau immer weiter an. Expertenrunden - jederzeit für einen schlechten Rat gut - erfanden einen weiteren Geniestreich: das ab dem Jahre 2012 auf 67 Jahre steigende Renteneintrittsalter! Tolle Lösung - bis zu 3 Mio mehr Menschen werden auf den Arbeitsmärkten gehalten - obwohl es keine Chance auf ordentliche Arbeit für sie geben wird. Doch hiermit kann man deren Renten gleich noch einmal um einige Prozent kräftig senken - DAS ist das alleinige Ziel dieser zynischen Maßnahme.


Jungen Menschen redet man derweil ein, sie könnten dem staatlichen Rentensystem nicht mehr vertrauen und sie müssten sich eben auf dem privaten Markt zusätzlich absichern. Niemand erzählt ihnen etwas über die Risiken (z.B. siehe deutsches Rentensystem in der Weltwirtschaftskrise) oder etwa davon, dass eine private Absicherung zwingend immer einer teure (Gewinne) und auf jeden Fall ungerechtere Lösung gegenüber einem Umlagesystem sein MUSS. Auch sagt ihnen niemand, dass man sie - grundsätzlich betrachtet - bestiehlt. Denn der heute sozialversicherungspflichtig Tätige finanziert ja die heutigen Rentner - die private Absicherung soll er zusätzlich berappen. Nur sein daraus - eigentlich legitim resultierender - Anspruch auf eine halbwegs auskömmliche Altersversorgung geht mehr und mehr baden, während man Besitzstände weiter wacker aufrecht erhält.


Sicher - wer später gerne mehr hätte, soll sich ja gerne zusätzlich privat versichern, wenn er sich das leisten kann. Eindeutiger Fakt aber bleibt - gerade diejenigen, die dies nach der absurden Rentenberechnung von heute am allermeisten bräuchten, können sich eben GENAU dies nicht leisten. Außerdem: Wer heute sein Altersdasein dem Markt und Finanzsystem anvertraut - dem sollte klar sein, dass er damit sogleich ein Oneway-Ticket in die völlige Abhängigkeit von irgendwelchen Wirtschafts-Akteuren löst, die ihr Handeln nach allem Möglichen ausrichten, nur nicht nach sozialen Kriterien. Wie heftig das auch ins Auge gehen kann, belegt z.B. der Enron-Skandal - nur ein Beispiel von vielen, wo Menschen in den USA um ihre Altersvorsorge betrogen wurden. Man kann die Warnung nicht oft genug wiederholen: Jede Abhängigkeit nämlich wird im Kapitalismus zu nichts anderem als Geld - Geld aber nicht für die Abhängigen, sondern vor allem für die Akteure und vielleicht noch jene, die zufällig in das Wirtschaftssubjekt investiert haben, das da gerade mal die Oberhand hat. Wer das in 44 Jahren wie lange sein wird, weiß heute niemand.


Nur ein Beispiel: Man stelle sich noch ein paar Terrorakte wie 911 sowie eine weitere kontinuierliche Zunahme von Wetterkatastrophen im destabilisierten Klima vor - dieses gar nicht mal so unwahrscheinliche Szenario könnte selbst große Versicherer in ärgste Bedrängnis bringen. Was dies für die zur Altersicherung angelegten Gelder bedeuten wird, mag sich jeder selbst ausmalen. Kleingedrucktes und Horden von Juristen werden dann womöglich ausbaldowern wieviel da für wen noch von jenem übrig bleiben wird, was alljährlich stattfindende Gewinnentnahmeorgien übrig gelassen haben.


Auf der anderen Seite: unser gegenwärtiges staatliches Rentensystem löst die gesamtgesellschaftliche Aufgabe aus dem Generationenvertrag tatsächlich nur noch mehr schlecht als recht - trotz "Umlagefinanzierung". Schlecht auch deshalb, weil man Menschen hier jahrzehntelang vorgaukelte, die Umlagerente sei eine mit einer Versicherung oder einem Sparplan vergleichbare Struktur. Diese Illusion - im Fachjargon: Äquivalenzprinzip - ist in Wahrheit eigentlich längst der nicht mehr bezahlbare Luxus geworden. Sie stelte schon immer eine Art Geburtsdeformation des deutschen Rentensystems dar. Was hier zuschlägt, ist die Magie der großen Zahlen.


Doch an der daraus resultierenden beträchtlichen Spreitzung der Alterbezügen wird munter weiter festgehalten - obwohl am unteren Ende längst immer mehr Menschen in die Armut fallen. Hierzu trug leider auch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes bei: dieses erkannte Rentenansprüchen Eigentumsstatus zu, sofern sie auf eigenen Beiträgen basieren - maßgebend daran wie an so manch anderem gesellschaftlich bedenklichen Urteil unseres Höchstgerichts - der damalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof, bekannt geworden für seine ähnlich absurde Vision eines linearen Steuersystems.


Die gegenwärtigen Bedingungen jedenfalls führen - auf die gesamte Gesellschaft gesehen - längst zu paradoxen Verhältnissen: Nehmen wir 2 Menschen, die noch ihr Leben lang gearbeitet haben - der eine aber bezieht als gehobener Beamter eine Pension von 3.000€ - während andere mit unter 800€ durch ihr Alter krebsen müssen. Es geht mir hier generell nicht um Beamtenschelte - schließlich können die nicht unbedingt etwas dafür, dass in den Rentenkassen das Zahlungsniveau von ursprünglich mal um die 70% auf inzwischen 50% zurückfiel - und weiter fallen wird. Vor langer Zeit einmal wurden Beamte spürbar schlechter bezahlt als die in der "freien" Wirtschaft arbeitenden Menschen - konnten sich dafür aber wenigstens auf ihre sichere Pension von 75% der letzten Bezüge freuen. All dies mag unter den Bedingungen von vor Jahrzehnten und bei Vollbeschäftigung halbwegs in Ordnung gewesen sein, doch heute sind Beamtenjobs längst sowohl vom Pensionsanspruch bei immer noch 71% wie inzwischen auch von der Höhe der Bezüge her eher zu den echten Perlen des Arbeitsmarktes zu zählen.


In den Rentenanstalten dagegen regiert überwiegend Panik: Rentner werden ausgenommen wie Weihnachtsgänse - weder erhalten sie einen Ausgleich für Inflation noch überhaupt nennenswerte Steigerungen. Arbeitgeberpräsident Hundt drängt im Gegenteil gar darauf, die Renten selbst weiter zu kürzen. Sozialversicherungsbeiträge und Steuern für Rentner wurden auf niedrigem Niveau eingeführt und werden, da diese Abkassierungsmöglichkeit nun mal besteht, in kleinen Schritten immer weiter steigen und steigen (wie aktuell wieder in Arbeit - Link). Wiederum so ein Geniestreich aus Absurdistan - "Nein, die Renten werden nicht gesenkt... " kann sich der findige Politikus hinstellen und im Brustton der Überzeugung behaupten "...die Krankenkassenbeiträge müssen halt etwas angepasst werden". Dem Rentner ist das schnurz - er hat so oder so auf jeden Fall eines: Weniger Geld! Das parallele Chaos im Gesundheitswesen belastet auch ohne diese Trickbetrügerei alte Menschen sowieso schon besonders - denn die sind nun mal naturbedingt Stammkunde im Gesundsheitswesen.


Als wenn dies alles nicht schon schlimm genug wäre - die anhaltende Massenarbeitslosigkeit und Lohnsenkungsorgie wird dereinst immer mehr Rentner mit noch geringeren Ansprüchen produzieren - denn bis heute gehorcht unser veraltetes Rentensystem immer noch dem Äquivalenzprinzip - d.h. die über möglichst viele Arbeitsjahre gleich bleibenden Einzahlungen bestimmen weiter ihrer Höhe nach den Rentenanspruch des Einzelnen. Wer mal ein paar Jahre arbeitslos ist, oder sich etliche Jahre im Niedriglohnsektor durchschlagen musste, kann sich da auf durchaus empfindliche Einbußen in diesem eigentlich nur für Vollbeschäftigung und Wachstum geeigneten System gefasst machen. Kurzum - nur noch wer Glück hatte, bekommt eine ausreichende Rente, immer mehr andere dagegen nicht genug, dass es überhaupt noch zum Leben reichte. Die gegenwärtige Art der Rentenberechnung hierzulande schafft ein aberwitziges Junktim zwischen Arbeitsmarkt und Renten - Konjunkturdellen bilden sich zwangsläufig im späteren Rentenbezug derjenigen ab, die schon in ihrer Erwerbsphase am meisten darunter zu leiden hatten.


Wo stehen wir denn heute? Schon der Start ins Berufsleben gerät für viele zum krassen Fehlstart. Generation Praktikum! Junge Menschen kommen - ob im gewerblichen oder akdemischen Bereich - oft nur nach Jahren an einen "ordentlichen" Arbeitsplatz. Millionen stehen fortwährend ganz auf der Straße - mit amtlicherseits gezahlten Mindestbeiträgen (die übrigens neulich erst wieder gekürzt wurden). Jedes kostenlose Praktikum, jeder Niedriglohnjob, jedes Jahr Arbeitslosigkeit ist für die später zu erwartende Rente eine kleine Katastophe. Sie werden nun vielleicht denken - okay wer nicht viel einzahlen kann, hat halt Pech gehabt. Doch es ist anders - nicht derjenige, der wenig zahlt, hat zunächst mal Pech - sondern die aktuellen Rentner müssen dies als Erste ausbaden. Das Pech des Beitragszahlers wird sich dann erst richtig offenbaren, wenn dieser selbst zur Verrentung ansteht.


So ist das nun mal bei einem Umlagesystem - und doch ist es eine elegante, höchst leistungsfähige und im Vergleich zur Kapitalversicherung sichere Form der Alterversorgung. Sie funktioniert solange ordentlich und weitgehend unabhängig vom Kapitalmarkt, wie Menschen ihren Lebensunterhalt mit Erwerbsarbeit bestreiten. Es ist die fragwürdige Vision von Besitzstandswahrung im Alter sowie die starke Systemzerklüftung, die die besondere Stärke des Umlagesystems hier in schildbürgerartiger Manier an die Kette legen - nämlich unter allen wirtschaftlichen Bedingungen bestmöglich für eine breite Absicherung im Alter sorgen zu können - etwas was ein privates System niemals leisten kann.


In den Jahren prosperierender Wirtschaft fiel dies nicht auf - jeder, der ein halbwegs erfülltes Arbeitsleben vorzuweisen hatte, durfte sich auf eine einigermaßen auskömmliche Rente freuen. Dass andere vielleicht noch deutlich mehr bekamen, störte solange nicht, wie es am unteren Ende halbwegs hinreichte. Die Rente bekam so mit der Zeit den Nimbus eines persönlichen Sparvertrags. Seit Ende der 80er Jahre aber geriet die Vollbeschäftigung unter die Räder - und ein ganzes Volk trat mit 40 Jahren offizieller Vollbeschäftigung dem System bei. Kontinuierlich konnten seitdem erst 3, dann 4, und heute 5 Mio Arbeitslose nur noch marginal einzahlen. Von dem Gesamtaufkommen aber müssen Jahr für Jahr die aktuellen Renten weiter wacker nach Beitragsproporz bestritten werden. Die unausweichliche Folge - die Rentenquote muss sinken, und das obwohl der Staat bereits sehr tief in seine Taschen greifen muss, um zuzuschießen.


Die Zahl unserer Erwerbspersonen als Indikator eines Demographie-Einflusses indes ist in Wahrheit noch stabil - was hingegen deutlich zurückging, ist der Umfang sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Über 3 Mio solcher Arbeitsplätze büßten wir seit 1992 ein. Noch - aber vermutlich nicht mehr lange, wenn sich die Arbeitsmarkttrends so fortsetzen - zahlen halbwegs genügend Menschen in die Rentenkassen ein. Die Demographie jedenfalls kann hier derzeit nur von marginaler Wirkung sein - eher dann schon die total vermasselte Wiedervereinigung.


Über diese für Politk und Eliten alles andere als schmeichelhaften Tatsachen möchte neoliberale Propagande gerne hinwegtäuschen und setzt daher den Schwachsinn von der Vergreisung Deutschlands als die Wurzel allen Übels in die Welt. Als ob Altern ein Verbrechen wäre und nicht etwa der völlig natürliche Gang aller Dinge... Ein besonderer Leckerbissen aus dem Focus-Artikel: "Die Zahl der 60-Jährigen werde 2050 mit gut einer Million Menschen doppelt so hoch sein wie die Zahl der Neugeborenen." MOMENT MAL! Seit wann eigentlich finanzieren Neugeborene 60-jährige? Wenn das Neugeborene mal 30 ist - gibt es diese beiden 60-jährigen nicht mehr, die ihm bei seiner Geburt gegenüber standen. Aber - der Erfinder dieser Nachricht hat eben auch mal was gewusst... und im Absurdistan unserer Tage kann offenbar keine Nachricht bescheuert genug sein, dass sie nicht verbreitet würde.


Besonders unserer Familienministerin von der Leyen (CDU) muss man bescheinigen, dass ihre Herkunft aus einer der reichsten Familien Niedersachsens offenbar den Blick auf die Realität verstellt - jammert sie doch fortwährend, in Deutschland würden zu wenig Kinder gemacht. Anscheinend hat Frau von der Leyen noch nie etwas davon gehört, dass junge Menschen dann Kinder in die Welt setzen, wenn sie das Gefühl einer verlässlichen und auskömmlichen Zukunft haben. Dieses haben diese Menschen derzeit anscheinend (zu Recht) nicht und ihre zurückhaltende Reaktion auf die heutigen Bedingungen ist - wie man eigentlich sagen müsste - durchaus verantwortungsvoll (Offenbar ein Fremdwort für Politiker). Wer will schon später gerne zusehen müssen, wie sich die eigenen Kinder in der Verelendung eines turbo-kapitalistischen Wirtschaftssystems mit ihrem Leben herumquälen?



Die Wirtschaft jedenfalls versagt heute schon darin, ausreichend ordentliche Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen - da wird die Entscheidung zur Kinderlosigkeit sogar fast zu einer Form angewandter Weisheit - wenn weniger da sind, braucht es dann auch nicht mehr so viel Arbeitplätze. DAS ist die Wahrheit, der man besonders in der Union anscheinend nicht ins Gesicht schauen will. Und besonders der Herr Hundt hat so gar kein Recht, auch nur den Mund auf zu machen - ist es denn nicht gerade "seine" Wirtschaft, die schon heute jungen Menschen schon beim Eintritt in das Berufsleben in noch nie da gewesenem Ausmaß Knüppel zwischen die Beine wirft? Ist es denn nicht gerade "seine" Wirtschaft, die "Entlassungsproduktivität" (mein Vorschlag für das Unwort des Jahrhunderts) mit Wachstum verwechselt - und dabei besonders gerne sozialversicherungspflichtige Arbeit gezielt abbaut?


Das mit der Wirtschaft wäre halb so schlimm - würde gerade sie sich nicht massiv und mit wahren von ihr bezahlten Propaganda-Orgien jeder vernünftigen Lösung in den Weg stellen. Was haben diese ganzen Wirtschaftsfuzzies eigentlich in der Politik zu suchen? Die sollten sich lieber um die Leistungsfähigkeit und die Qualität ihrer Wirtschaft kümmen - denn da schaut auch längst nicht mehr alles zum Besten aus. Wann endlich kommt man in diesem Land wieder zur Vernunft und weist dem widerlichen Kasten- und Privilegiertendenken den ihm angemessenen Platz im Mülleimer der Geschichte zu? Gemeinsam sich hinsetzen und die Ärmel hochkrempeln - und dann die Probleme wirklich anpacken ist viel zu lange schon überfällig...


Nach diesem etwas längeren Ausflug nach Absurdistan lädt CogitoSum Sie, liebe Leser, nun ein, für einen Moment mal all das hilflose oder auch hinterhältige Gebrabbel von Politik und Experten sowie unser heute völlig verkorkstes System beiseite zu schieben und sich auf die Frage zu konzentrieren: Was kann eine Gesellschaft unter heutigen Bedingungen überhaupt leisten? Wie Sozial kann sie oder wie Unsozial muss sie eigentlich sein? Wie wirkt sich Demographie aus - und wie begegnet man der Herausforderung, die die Verrentung der Babyboomer-Jahrgänge mit sich bringen wird? Zur Abschätzung dessen folgen Sie uns bitte auf einen vielleicht ungewöhnlichen, aber dafür für jeden Menschen relativ gut nachvollziehbaren Weg. Man nehme den durchschnittlichen Lebenslauf eines Menschen hierzulande - unterteile diesen in Phasen und betrachte die Geldströme über dieses Lebenszeitprofil (Lebensentwurf). Lebenszeitrechung ist der Name, dem wir diesem ungewöhnlichen Rechenweg geben... Wir haben dies einmal für Sie gemacht und möchten Ihnen nun die Details dieser Rechnung sowie ihre durchaus interessanten Ergebnisse vorstellen.




 

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