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Geschrieben von Jürgen Scheffler   
Sonntag, 25. Februar 2007

Es war ja eigentlich auch nur eine Frage der Zeit... eine Frage der Zeit nämlich, bis die sich derzeit munter formierende Wirtschaftsdiktatur ihre Hände nach einer weiteren Domäne des so ungeliebten Staates streckt: Akademische Ausbildung. Mit der Initiative "Step", die derzeit in Hessen startet, wird auf sogenannte "Duale Studiengänge" aufmerksam gemacht - d.h. Abiturienten treten ein mit einer Berufsausbildung kombiniertes FH/Bacherlor-Studium an - nach etwa 5 Jahren können sie in beidem ihren Abschluss in der Tasche haben. Mehr als all das verlockende Wortgeklingel auf der Step-Seite kennzeichnet denn wohl eher dieses Zitat: "...Eine Möglichkeit, Personal zu gewinnen und an sich zu binden, bieten duale Studiengänge..." (Quelle) die wahre Stoßrichtung. Hier kann man auch etwas mehr über die Vor- und auch Nachteile dieser Studienart nachlesen. Was da auf den ersten Blick scheinbar so vernünftig daher kommt, birgt im Detail dann doch einige beachtliche Konsequenzen...

Schon die Ausgangsbasis entbehrt zunächst einmal sowohl Logik als auch Wahrheitsgehalt - wie könnten Unternehmen in Zeiten von Millionen (keineswegs nur geringqualifizierten) Arbeitslosen Probleme haben, Personal an sich zu binden? DAS kann doch nun wirklich eindeutig nicht das Problem sein. Schon gar nicht, wenn man dauernd die Fahnen des freien Marktes vor sich herträgt - und dabei nicht vergisst, dass die Unabhängigkeit der Markteilnehmer eine der entscheidenden Funktionsvoraussetzungen für die vorteilhafte Wirkung freier Märkte ist - was für den Arbeitsmarkt nicht anders gilt als für sonstige Märkte auch.

So ist denn auch generell nicht ein Zuviel an Jobs sondern ein Zuwenig davon in Wahrheit schon seit Jahrzehnten das eigentliche Problem dieser und der meisten vergleichbaren Gesellschaften - was man allerdings seit Jahren mit allerlei Tricks vor der Öffentlichkeit zu verbergen sucht. Was da inzwischen insgesamt im Gange ist, kann nur vermutet werden - aber der Glaube an Dr. Reiner Zufall sollte angesichts einer immer gleichen Zielrichtung von diversen Geschehnissen auf vollkommen unterschiedlichen Feldern langsam schwerer fallen. Und so fügt sich auch das duale Studienkonzept bei näherem Hinsehen recht nahtlos in das sich immer deutlicher abzeichnende Gesamtbild.

Eine nicht auf den ersten Blick erkennbare Konsequenz des dualen Studiums ist, dass der Zugang zu akademischer Ausbildung damit klar in den Einflussbereich von Wirtschaftssubjekten rückt. Der duale Student kann nämlich sein Dual-Studium erst beginnen, wenn er ein Ausbildungsverhältnis mit einer entsprechenden Anbieter-Firma abschließt. Damit gelangen hier Firmen in die Lage, zu entscheiden, wer studiert und wer nicht. Ein Blick auf den derzeitigen Arbeitsmarkt genügt, um einen Eindruck zu bekommen, welche Folgen allein dies schon nach sich ziehen könnte. Nämlich eine gezielte Vorselektion der dualen Studenten nach willkürlichen und somit möglicherweise auch durchaus fachfremden Kriterien wie Herkunft, politische Orientierung, oder am Ende gar etwa Konfession(?), u.v.m.

Dass dies gerade in Hessen - einem Bundesland das sich mit an die Spitze in der Einführung von Studiengebühren an den allgemeinen Hochschulen gesetzt hat - so besonders massiv vorangetrieben wird, zeigt sehr deutlich, wohin Roland Koch's Gesellschafts-Visionen in Wahrheit auch streben könnten - wenn auch Hessen hier bislang noch keine herausragende Position erreicht hat. Eleganterweise werden die Unternehmen derzeit auch noch laufend so schön steuerentlastet, damit sie an diesem Spiel auch ohne allzutiefe Griffe in ihre Kriegskassen teilhaben können...

Die Erfordernisse der Gesellschaft oder die persönlichen von Individuen spielen beim dualen Studium jedenfalls keine Rolle mehr. Die Gebühren für das allgemeine Studium an staatlichen Hochschulen stellen aber bereits heute schon eine zusätzliche Hürde für Menschen aus ärmeren Bevölkerungskreisen dar, in den Genuss von Bildung zu kommen - wie wir jetzt an STEP dankenswerterweise glasklar ablesen können, scheint bitterer Geldmangel in der Gesellschaft wohl eher weniger das wahre Motiv für die Errichtung dieser Hürde gewesen zu sein.

Es ist nun mal gesellschaftliches Gebot, dass jedem ausreichend talentierten Individuum der Zugang zu höherer Bildung ermöglicht werden sollte - unabhängig von sonstigen Kriterien. Dies will die besonders die Union anscheinend mit aller Macht gern ändern. Und so unterläuft das duale Step-Verfahren dieses Gerechtigkeitgebot auch systematisch und zu allem Übel werden hier die Wirtschaftsmacht auch noch gleich an die Kontrolle der Selektion gebracht - eine brisante Entwicklung, die Unternehmen sich hier mit einer doch recht üppigen Vergütung nach den Tarifen des 3. Lehrjahres und zwar für die gesamte Zeit des dualen Studiums zu "erkaufen" suchen.

In diesem Zusammenhang sei noch daran erinntet, dass die UNESCO unlängst dem deutschen Schulsystem sowieso schon eine zu einseitige Selektion bescheinigte - Kinder aus armen Familien sind auch dort bereits erheblich benachteiligt. Zusammen mit den nicht minder fragwürdigen Plänen für Elite-Hochschulen schälen sich aus dem Ganzen die Konturen einer Gesellschaftsvision heraus, von der wir uns alle eigentlich nur wünschen können, dass sie so niemals (wieder) Realität wird.

Systematisch verarmte Menschen (dieser Prozess ist bereits in vollem Gang) dürften demnach in nicht allzu großer Ferne wieder über Generationen kaum mehr eine Chance zum Ausbruch aus ihren gesellschaftlichen Ghetto haben - während Zöglinge irgendeines Feudal- und Geldadels sich ihrer privilegierten Stellung schon bei ihrer Geburt sicher sein können - und dies wie der Erfahrung lehrt - ohne nennenswerte Leistung, wenn wir mal von der Scheinleistung in eine privilegierte Familie hineingeboren zu werden absehen wollen.

Wie auch immer - das seitens der angeblich doch so arg unter dem globalen Wettbewerb leidenden Unternehmerschaft vergleichsweise üppig ausgestattete Lockangebot hat dazu noch einige andere Pferdefüsse, die sich u.a. dann so lesen (Zitat von der Step-Seite: "...Wettbewerbsfähig bleiben mit den richtigen Mitarbeitern - Hochqualifiziertes Personal ist eine unersetzliche Ressource für Ihren Unternehmenserfolg. Mit STEP, der Initiative zur Förderung des Dualen Studiums in Hessen, finden Sie in Kürze genau den Führungskräftenachwuchs, den Sie als mittelständischer Unternehmer auf dem Markt suchen. Und Sie bestimmen mit, welche Studienschwerpunkte gesetzt werden..."

Logisch ist ja klar, dass Sichtweisen auf Studienschwerpunkte sich selbst bei gleicher Fachrichtung von Unternehmen zu Unternehmen - und nicht zuletzt von Personaler zu Personaler - erheblich unterscheiden dürften. Zwar noch nicht die absolute Gewalt, aber immerhin doch eine recht nette Remineszenz - wenn man bedenkt, was Vögte im Mittelalter bereits nicht alles entscheiden durften. Die Folge: Der Duale Student erhält nach befriedigend vorgebrachter Unterwerfungsgeste eine höchst spezifisch auf ein Unternehmen und deren Charaktere zugeschnittene Ausbildung, die seine Möglichkeiten zum späteren Wechsel nicht unerheblich einschränken könnte.

Dass diese "Innovation" mit dem humanistischen Ideal der akademischen Ausbildung - und vor allem mit dem Entwickeln der Fähigkeit zum eigenständigen wissenschaftlichen Arbeiten - nichts mehr das Geringste zu tun hat, liegt klar auf der Hand. Hier sollen passgenaue, stromlinienförmige und vor allem gut beherrschbare Fachidioten herangebrütet werden. Mächtige selektierten eben schon immer gerne vor, wer künftig in der Nähe ihrer Macht darf und eleganterweise schafft man nebenbei auch noch eine beachtliche Abhängigkeit.

Die gradezu klassische Strategie, damit die "Investition" in das Lehrgeld fürs Studium sich recht bald wieder mehr als amortisiert, da hier künftige Arbeitnehmer systematisch in eine schwierige Verhandlungsposition gegenüber ihren Arbeitgebern hineinmanövriert werden. Und da kann nicht eindringlich genug gewarnt werden - jede Form von Abhängigkeit wird im Kapitalismus zu nichts Anderem als Geld - Geld allerdings nicht für den Abhängigen sondern stets für denjenigen, der am Kontrollhebel hockt..

Der Niedergang der früher einmal hochwertigen Ausbildung in Deutschland (Duales Ausbildungssystem) ist indes unübersehbar und dieser Weg war bereits von der Regierung Kohl ebenso eindeutig wie leider von weiten Teilen der Bevölkerung unverstanden eingeleitet worden. In einem Diskurs zur dualen Ausbildung (Achtung: hiermit ist das alte Bildungssystem gemeint...) schreibt der Bamberger Soziologie-Professor Martin Heidenreich bereits 1998: "...In gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Hinsicht kann die Bedeutung vereinheitlichter Ausbildungsformen kaum überschätzt werden. Erstens sind sie eine wichtige Voraussetzung für die inner- und zwischenbetriebliche Mobilität in berufsfachlichen Arbeitsmärkten; zweitens ist die relative Autonomie berufsfachlichen Wissens gegenüber unmittelbar anwendungsbezogenen Interessen eine wichtige Voraussetzung für die Diffusion wissenschaftlicher und technischer Erkenntnisse; drittens ist die breite und relativ homogene Qualifikationsbasis eine wichtige Voraussetzung für vergleichsweise geringe Belohnungsdifferenzen zwischen verschiedenen Beschäftigungsgruppen, Branchen und Betriebsgrößenklassen..."

Daran hat sich bis heute nichts geändert - wohl aber erodierte seitdem die akademische Ausbildung zusehends - auch durch solche Konzepte wie das BA-Studium, Akademische Überhöhung der Aktenschieberei (Verwaltungsakademien) u.v.m. Parallel dazu wurde das ehedem hohe Niveau der gewerblichen Ausbildung ebenfalls unterlaufen - z.B. Arbeitslose müssen schon länger jede Arbeit annehmen, womit ihre berufliche Qualifikation systematisch entwertet wird. Amerikanische Jobmentalität ist so denn auch der Totengräber der notwendigen Vergesellschaftung von Know-How und Wissen, welches damit immer mehr unter die Fittiche weniger gerät begleitet von einem krassen Abfall des gesamtgesellschaftlichen Leistungsniveaus.

Es werden die Folgen dieser Entwicklungen sein, die Deutschland demnächst hart treffen und seine internationale Spitzenposition gefährden werden. Über die wahren Ursachen und Hintermänner dieser Entwicklung darf gerätselt werden - zu vemuten steht aber, dass dort nicht allzu viel Gutes für unser Land und seine Menschen im Schilde geführt wird - die Worte des Ex-Kanzlers Schröder von der "Transformation der Gesellschaften" bekommt da in diesen Zusammenhang gestellt dann doch einen irgendwie merkwürdigen "Nebenton". Der oben erwähnte Diskurs von Martin Heidenreich stellte hierzu 1998 fest: "...Auch die Krise der Berufsausbildung könnte mit der Verfestigung überkommener Regulationstrukturen erklärt werden. Die Schwäche von Lebenszyklusmodellen (die Art Modelle die wir hier bei Cogitosum bevorzugen - und dabei deren Strukturdeterminismus zu minimieren suchen...) sind jedoch ihr Strukturdeterminismus und der zu geringe Stellenwert, der externen Veränderungen beigemessen wird. So bleibt offen, warum ähnliche Institutionen auf ähnliche Herausforderungen vollkommen anders reagieren; warum also beispielsweise die zukünftige Berufsausbildung in Deutschland erfolgreich modernisiert werden konnte, während sie in Frankreich praktisch untergegangen ist und trotz zahlreicher Versuche nie wieder belebt werden konnte..."

Das war 1998 - und der dort festgestellte Erfolg in der Modernisierung der Berufsausbildung hat sich inzwischen als Fehleinordnung erwiesen. Der Autor geht wie viele Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler von jeweils Modellhafen Verhältnissen in der Gesellschaft und ihren Systemen aus - was aber wenn die Märkte in Wahrheit nicht so frei, und die politischen Leitstrukturen hinter den Kulissen nicht so demokratisch sind, wie sie scheinen? Dieser Ansatz erklärt zweierlei - erstens, wieso die angeblichen Fortschritte in Frankreich mit seiner revolutionären Tradition nicht greifen konnte und warum ähnliche Strukturen auf ähnliche Situationen vollkommen anders reagieren. Grade der Vergleich mit der Frankreich legt - wie am Airbusdrama sehr schön aber nicht nur dort abzulesen - offen, wie sehr Frankreich uns inzwischen davon zieht. Dies ist nicht etwa das Ergebnis einer besonderen Strategie Frankreichs sondern dem der hierzulande seit der Ära Kohl stattfindenden offenen Demontage geschuldet.

Es braucht nur einige Blicke in unsere Medien heute - angebliche Ingenieursmangel, wo noch Tausende noch bestens ausgebildeter Ingenieure arbeitslos auf der Straße stehen, Stellenprofile mit einer dutzendfachen Kombination von Trivialkenntnissen, die sich jeder halbwegs intelligente Mensch innerhalb von Tagen aneignen kann - aber die natürlich kaum jemand in dieser Kombination als am Stichtag bereits vorliegend nachweisen kann, und nicht zuletzt auch sowas, wie das Gejammer bei Airbus über die angeblich bessere Qualifikation auf der französischen Seite - die nach der Lesart des hier grassierenden Unverstands natürlich darauf zurückgeführt wird, dass es dort ein stringenteres Elitenkonzept als hier gäbe. Die Qualität Deutschlands insgesamt befindet sich längst im beschleunigten freien Fall - abzulesen auf nahezu allen Gebieten, wo man ehedem mal Vorreiter war... Frankreichs um Längen intaktere und vor allem die durch Abwesenheit des Förderalismus-Wahns insgesamt widerstandsfähigere Gesellschaft dürfte da eher die Ursache sein. Solche Gesellschaften finden eben schneller zu vernünftigen politischen Konzepten und tauglichen Handlungsstrategien als unser insgesamt genommen nahezu handlungsunfähiges System.

Wacker aber propagiert man uns hier ständig weiter den "freien Markt" als Schimäre - es gibt ihn indes immer weniger. Nicht auf dem Güter- und Dienstleistungsmarkt (siehe z.B. Korruptionaffaire Siemens) wo EU-Richtlinien nicht einen Wettbewerb von Unternehmen und ihren Produkten herbeiführen wollen, sondern den WTO-gewollten weltweiten Wettbewerb um die niedrigsten Sozialstandards und effizientesten Diktaturen. Auch das duale Studium nach Strickart von "STEP" hat durchaus das Zeug, die Beseitigung des freien Wettbewerbs nun auch im Teilbereich Arbeitsmarkt weiter kräftig anzutreiben - etwas was wie auf fast allen anderen Gebieten auch nur die Interessen der Reichen und Mächtigen voran bringen, die Gesellschaft als Ganzes aber zurück lassen wird.

Es erhebt sich die Frage: Was haben Unternehmen eigentlich gegen freien Wettbewerb? Den Worten ihrer Verbände und Lobbyisten nach sollten sich damit wohl wie ein Fisch im Wasser fühlen. Doch Verbände und Lobbyisten verbreiten eben nun mal eben nie etwas anderes als interessengeleitete Lügen. Die tatsächlichen Gegebenheiten sind schnell erklärt - freier Wettbewerb bedeutet nämlich Risiko - jenes Risiko womit Unternehmen, Aktionäre und Eigner sowie das ihnen nahestehende Management ihre längst jeglicher Angemessenheit Hohn sprechende unportionale Bedienung an den gemeinsam geschaffenen Werten bislang gerechtfertig haben. Genau dieses Risiko soll künftig über eine Verlagerung auf die, die ohnehin am Ende der Nahrungskette sitzen dem Endziel Null angenähert - womit dann die Ausbeutung künftig von selbst sprudelt - eben genauso, wie ehedem in den Feudalgesellschaften.

Interessant in diesem Zusammenhang von folgendes Zitat, dass den unsinnigen Prof. Hans-Werner Sinn vernichtend widerlegt: "...Ein nach Schettkats Analyse realistisches Bild liefere die europäische Statistikbehörde Eurostat. Die Statistiker der EU untersuchten 2005 die Lohnstrukturen in den Mitgliedstaaten. Dabei verglichen sie die zehn Prozent der niedrigsten Arbeitseinkommen mit jenen, die auf der Lohnskala im oberen Zehntel rangieren. Deutschland sei demnach gleichauf mit Großbritannien gelegen, dem Land, das, so Schettkat "bisher als Spitzenreiter hinsichtlich der Lohnspreizung in Westeuropa galt." Setze man die untersten zehn Prozent mit den mittleren Einkommen ins Verhältnis, weise Deutschland sogar die größte Spreizung in Westeuropa auf..." Wer derat das amerikanische Modell nachbaut, muss sich auch damit abfinden, auf das amerikanische Leistungsniveau zurück zu fallen. Dies lässt gerade die Situation bei Airbus doch in einem ganz anderen Licht erscheinen - oder?

Längst schon toben sich auf unseren - irgendwann möglicherweise wirklich einmal frei gewesenen - Märkten nurmehr noch die Folgen skrupellos ausgeübter Kapitalmacht aus. Wir haben keine freien Märkte sondern nur noch eine vorerst noch höhere Anzahl von Anbieter- und Abnehmerkartellen sowie Oligopolen, die eine Art Wirtschaftskrieg untereinander führen. Durch die weltweit mangelnde Besteuerung von Vermögen und Erträgen sind dort inzwischen schwindelerregende Geldsummen in Umlauf, mit denen in volatilen Allianzen um die nackte Vorherrschaft auf den immer mehr verkrustenden Märkten gerungen wird. Und damit nicht genug - ein beachtlicher Teil dieser Unsummen wird längst investiert, um das Machtspiel auch auf die politische Führung sowie die Manipulation der öffentlichen Meinung auszudehnen.

Der Staat und seine demokratische Struktur sind hierbei hinter den Kulissen seit Längerem schon Primärziel dieses Irrsinns geworden. Denn auch Demokratie ist aus Sicht der dort wirksamen Akteure Risiko - das Risiko nämlich, dass die eine oder andere Rechnung irgendwelcher Finsterlinge einestages mal nicht mehr aufgehen könnte. Die systematische "Staatsverarmung" der letzen Jahrzehnte sowie der Ausverkauf öffentlichen Eigentums und Einflusses belegt doch recht überzeugend, wohin die Reise längst unterwegs ist. Der Staat als einzig legitimierte Gegenmacht zur nicht-legitimierten Wirtschaftsdiktatur soll weitgehend ausgeschaltet werden.

Und unter diesem Aspekt sind Zugriffe dieser Strukturen auf eines der wichtigsten Refugien staatlicher Hoheit, nämlich breit angelegte und durchlässige Bildungssysteme mit dem Ziel urteilsfähige und fachlich wie gesellschaftlich kompetente Bürger heran zu bilden, mehr als nur eine Marginalie. Gerade im Deutschland des Jahres 2007 gibt es so überhaupt keinen Grund mehr, dies - neben all dem Anderen welches in die gleiche Richtung weist - weiterhin auf die leichte Schulter zu nehmen.

Für einen - fragwürdigen - Erfolg des dualen Studiums jedenfalls werden zwei Faktoren ausschlaggebend sein. Erstens - in welchem Ausmaß Unternehmen sich daran beteiligen - und Zweitens in welcher Menge sich Studenten auf diesen Weg locken lassen werden. Gerade heute ist zu befürchten, dass sich viele Jugendliche von den oberflächlichen Vorzügen der Angebote blenden lassen werden und so hängt es wohl eher von den Unternehmen ab - und ob sie sich auf breiter Front auf dieses Spiel in ausreichendem Maße einlassen werden. Die folgende Tabelle zeigt den derzeitig in etwa erreichten Stand:

 

070225-DualesStudium
 

Falls sich dauerhafter Erfolg einstellt, stehen einige höchst schwerwiegende Konsequenzen ins Haus. Erste Konsequenz - dem klassischen Dualen Ausbildungssystem wird beschleunigt Geld und vor allem Menschen aus den künftig rückläufigen Generationen entzogen. Zweitens - der ausgelobte Wettbewerbsvorteil wird sich, wenn es ihn denn überhaupt je gab, recht bald in Luft auflösen und dann werden die kapitalstärkeren Unternehmen auch da wie sonst überall schon am Drücker sitzen. Und last not least - Drittens sollten sich die Hochschulen mal Gedanken darüber machen, wie es an ihnen mittelfristig um die Freiheit von Lehre und Forschung bestellt sein wird, wenn neben der ohnehin fragwürdigen Drittmittelforschung auch noch dieses Phänomen sich erst einmal so richtig breit gemacht hat. Einstweilen bliebt eine nur vage Hoffnung, dass da vorher noch Einigen in dieser Gesellschaft endlich doch mal noch ein Licht aufgehen möge - und zwar bevor es ganz zu spät ist.

Der erste und wohl auch wichtigste Schritt dazu ist - sich ein und für alle mal klar zu machen, dass eine kapitalistische Wirtschaft hier nicht und nirgendwo sonst auf der Welt je ein legitimiertes System gewesen wäre oder sein könnte. Als ein höchst primitives System ist sie nichts mehr als Mittel zum Zweck und ihre Funktionsprinzipien und inneren Strukturen sind blind für Demokratie wie auch für Respekt vor Menschen oder Umwelt. Somit hat dieses Wirtschaftsystem in der gesellschaftlich notwendigen und für die Zukunft sogar immens wichtig werdenden Bildung von Menschen allein schon wegen ihrer nur auf kurzfristigen Profit gerichteten Denke auch nicht das Allergeringste verloren. Nur so zum Vergleich und Ausklang - dieser Link - der beim Autor zumindest fast schon Auswanderungswünsche aufkommen lässt..

STEP und das duale Studium allgemein haben jedenfalls das Format, so neben den ohnehin längst manifesten Verwerfungen im Informations- und Medienbereich und derart hahnebüchendem US-Schwachsinn wie "Intelligent Design" ein weiteres Signal dafür zu sein, dass hier - wer auch immer - nichts unversucht lässt, sich an die Kontrolle der langfristig entscheidenden Zukunftsressource unserer künftigen Gesellschaft zu bringen. Die vernunftferne aktuelle Kampagne der katholischen Bischöfe gegen staatlichen Einfluss auf die Kindererziehung indes gibt in diesem Kontext ein gar nicht mal so schlechtes Indiz dafür ab - woher da der Wind letztlich auch noch wehen könnte...


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