Killerspiele als Sündenbock?
Geschrieben von Julia Scheffler   
Sonntag, 6. Januar 2008

Bei den Amokläufen in Erfurt oder Emsdetten wurden schnell die so genannten "Killerspiele" verantwortlich gemacht, wobei eigentlich gar nicht definiert ist, was eigentlich ein Killerspiel ist. Häufig genannt werden dabei Counterstrike und die GTA Serie, wobei man bei letzteren tatsächlich einen simulierten Amoklauf starten kann. Doch im Prinzip kann jedes Spiel, wo man humanoide Wesen tötet, als Killerspiel betrachtet werden. Doch wie stichhaltig ist diese Aussage, das sogenannte Killerspiele an Amokläufen eine Mitschuld tragen?

Dabei betrachte ich die Gruppe, die so genannte "Killerspiele" spielt. Es sollte Einem vielleicht auffallen, dass diese Spiele in der Gruppe der männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen so sehr verbreitet sind, dass nur eine kleine Minderheit niemals ein Spiel, welches in die Kategorie passen würde, aktiv gespielt hat.

Man könnte überspitzt sagen, das Besuchen einer Schule sei der Auslöser für Amokläufe. Das trifft wohl auch auf die meisten Amokläufer zu. Sozial ausgegrenzte, männliche Individuen nutzten solche Spiele als Beschäftigung in der Freizeit, in der sie ja ohne regelmäßige soziale Kontakte auskommen müssen. Natürlich werden diese Spiele auch von fast allen anderen gespielt.

Das Amokläufe die Folge von Killerspielen sind, kann man in keinster Weise empirisch belegen. Bei Robert Steinhäuser geriet Counterstrike in das Visier, obwohl er es nicht einmal besessen hat. Es werden ungeprüfte Aussagen gemacht. Höchstens Aussagen wie, Amokläufer sind größtenteils männlich, dürften wohl einigermaßen zutreffen.

Beim Amoklauf von Emsdetten zeigt sich die Wirksamkeit einer strengen Waffengesetzgebung. Denn die Waffen, die Bastian B. benutzt hat, waren scheinbar nicht gefährlich genug, um andere Menschen damit zu töten. Vermutlich wären Molotowcocktails mindestens genauso gefährlich gewesen und diese sind ohne großen Aufwand herzustellen.

Der Abschiedsbrief von Bastain B (Link) gibt da wesentlich mehr Aufschluss über seine Beweggründe, unter denen sich übrigens gar nichts von Computerspielen findet. Der von mir erwähnte Schulbesuch wird dort allerdings reichlich thematisiert. Hier einige Zitate daraus – zusammen mit einer Interpretation nach meinem Verständnis:

"Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum."

Geld ist der wichtigste Wert in der Gesellschaft.


"Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst."

In diese Gesellschaft will er sich nicht integrieren.


"S.A.A.R.T. - Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod"

"Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen!"

Der in der Gesellschaft genormte Lebensentwurf ist nicht sinngebend für ihn.


"Keine Freiheit! Und so was nennt man dann Volksherrschaft. Wenn das Volk hier herrschen würde, hiesse es Anarchie!"

Die gesellschaftlichen Regeln sind für ihn nicht legitimiert.


"Es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben"

"Ich will meinen Teil zur Revolution der Ausgestossenen beitragen!"

Einen Wert gibt er sich durch die größtmögliche Aggressionen gegen diese Gesellschaft.


"Mir wurde bewusst das ich mein Leben lang der Dumme für andere war, und man sich über mich lustig machte."

Er wurde gemobbt und war sozial nicht integriert.


"Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben!"

"Als letztes möchte ich den Menschen die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies Entschuldigen!"

In dem letzten Satz wird deutlich, dass er in Wahrheit nicht auf alle Menschen zielt, sondern nur auf jene, die er als mitverantwortlich für seine Situation sieht.

 

Ich denke ein wichtiges Motiv bei Amokläufen ist eine subjektiv empfundene Perspektivlosigkeit, für die andere Menschen verantwortlich gemacht werden. Dies ist häufig bei Mobbing und massiver Ausgrenzung aus einer Gesellschaft der Fall, zu der es keine Alternative gibt – und deren Angebot an anerkannten integrierten Lebensweisen nur schmal ist. So war es auch bei Bastian B.

Dadurch, dass Offzielle hier die Schuld pauschal und ohne nähere Prüfung auf Killerspiele abschieben, werden die Anteile gesellschaftlicher Defizite allerdings verschleiert. Letztlich wird sich so um die kritische Untersuchung gesellschaftlicher Ursachenanteile und damit auch um die Frage gedrückt, ob nicht die Gesellschaft einer Veränderung bedarf, um den Raum für die Entstehung der hier erkennbaren – und durchaus auf andere Fälle übertragbaren – Motivkomplexe so gering wie möglich zu halten.

   

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